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steirischer herbst 2001
Am
erfreulichsten ist der Kulturkampf, der ausbleibt.
Die Doppelausstellung „Machen Sie mir dieses Land wieder ...“, die
im Rahmen des steirischen herbstes 2001 im Laafelder Pavel-Haus und im
Mariborer Kibla stattfand, wollte auf mehreren Ebenen intervenieren.
Teilweise ist es gelungen.
Grenzen bedingen Differenzen. Integrations- oder
Differenzierungsprozesse mit denen man etwas anstellen kann. Man kann
darüber sprechen wie beide Seiten funktionieren, man kann empirisch
vergleichen. Die Grenze zwischen der österreichischen und slowenischen
Steiermark ist als künstliche zu bezeichnen, und dies nicht nur in
Anbetracht des Begriffes Grenze im metaphorischen Sinne. Es wurde hart
daran gearbeitet sie zu etablieren,
mit der selben Härte will man sie in den nächsten Jahren zum
Verschwinden bringen.
Jahrhundertelang
hat das kulturelle Zusammenleben in einem denationalisierten Zustand
mehr oder weniger funktioniert. Durch die Nationalisierung im 19.
Jahrhundert und Ereignissen des ersten Weltkrieges wurden
Nationalstaaten und Grenzziehungen neu definiert. Wirtschaftsräume wie
Murska Sobota und Verbindungen wie die Achse Graz-Maribor bekamen eine
neue Bedeutung: Sie rückten vom Zentrum an den Rand bzw. wurden
abgeschafft. Durch diesen Bedeutungswechsel und die darauffolgenden
ideologischen Entwicklungen der Staaten Jugoslawien und Österreich
wurde die bis dahin aufrecht erhaltene Brückenfunktion neu formuliert.
Durch die Wende Anfang der 90er Jahre und die damit verbundene
Neuschaffung Sloweniens ergab sich auch eine grundlegende Erneuerung der
sozioökonomischen Verhältnisse. Lebenshaltungen wie Tanktourismus und
Fischessen in Slowenien wurde in der österreichischen Steiermark als
Wochenendausflugsziel integriert. Billige illegale slowenische Arbeitskräfte
waren nun einfacher zu bekommen, als vor der Herausbildung Sloweniens
als eigener Staat. Der Aufschwung in der Südsteiermark, die
Umfunktionierung ehemaliger ärmlicher Grenzgebiete in touristische
Nahziele oder etwa die Etablierung der „Weinkultur“ als Funktionsträger
und Werbefläche wäre ohne Arbeitskräfte aus Slowenien nicht möglich
gewesen.
[...] Für Mirko aus Slowenien läuft der Sommer
seit Jahren auf die gleiche Weise ab. Im Mai packt er seine Koffer, um
in einem Hotel am Wörther See selbige für die Gäste zu schleppen.
Ende September fährt er wieder nach Hause. Zufrieden mit dem Verdienst
und dem Trinkgeld. Mirko ist Saisonnier und als solcher heiß begehrte
Arbeitskraft im österreichischen Tourismus. Saisonniers arbeiten
gemeinhin als Abwäscher, Küchenhilfe, Hausburschen, Gebäudereiniger
oder Hilfskoch. Viele sind aus dem Hotelbetrieb gar nicht mehr
wegzudenken, einige sind "Grenzgänger", die vom Ausland täglich
an ihren Arbeitsplatz pendeln die meisten von ihnen kommen aus den
Nachbarländern wie Slowenien. Das Typische an einem Saisonnier: Nach spätestens
sechs Monaten endet sein Arbeitsverhältnis, er muss dann das Land
verlassen. Als Saisonnier braucht er nichts anderes als ein gültiges
Visum, die soziale Absicherung ist allerdings minimal.
Jedes
Jahr im Frühjahr und vor der Wintersaison gab es das gleiche
nervenaufreibende Gerangel um die Kontingente für die begehrten Kräfte.
Denn diese wurden nur dann ins Land gelassen, wenn für den Arbeitsplatz
kein Einheimischer gefunden werden konnte. So lautete das Credo im
Sozialministerium, solange es in der Hand der SPÖ und damit des ÖGB
war. Hartnäckig hielten Gewerkschaft und Partei dabei die Mär
aufrecht, die für Hilfsarbeiten benötigten Saisonniers würden
heimischen Haubenköchen die Jobs wegnehmen und die Löhne drücken.
Dementsprechend restriktiv handhabten sie die Kontingente. Bei einer
Gesamtbeschäftigung im Tourismus von rund 150.000 Personen wurden den
Hoteliers 1999 für die Sommersaison gerade 920 Saisonniers bewilligt.
"Es war jedes Jahr ein Affentheater", erinnert sich
Willi Koska, Hoteliervertreter in der Sektion Tourismus der
Wirtschaftskammer Kärnten, an harte Verhandlungen mit der
Arbeiterkammer und dem Arbeitsmarktservice. Während das
Arbeitsmarktservice die Nöte der Betriebe kannte und dem
Sozialministerium ein großzügigeres Handhaben der Kontingente für
Saisonniers empfahl, biss man dort auf Granit. Mit der neuen Regierung läuft
die Sache aus der Sicht der Touristiker hingegen wie geschmiert. Für
die Sommersaison wurden fast 3000 Saisonniers bewilligt, dreimal so
viele wie 1999. Die Verhandlungen seien heuer "das reine Vergnügen"
gewesen, lobt Koska. Das Vergnügen bereitete den Hoteliers
Wirtschaftsminister Martin Bartenstein mit seinem Saisonnier-Erlass.
Damit stand heuer bereits am 27. April das Kontingent fest und die
Hoteliers konnten Anfang Mai ihr ausländisches Personal einstellen.
Sonst dauerte es immer bis Mitte Juni und die ersten Gäste waren noch
vor den Hausburschen in den Hotelzimmern. Wie die aktuelle Beschäftigungsentwicklung
im Fremdenverkehr zeigt, wird der Arbeitsmarkt dadurch dennoch nicht überfordert.
Obwohl es - gegen den Widerstand der Gewerkschaft - rund 1900
Saisonniers mehr gibt als vor einem Jahr, ist die Arbeitslosigkeit in
der Branche gleichzeitig um mehr als 3000 gesunken.[...]
Aus: “Erstmals kein Affentheater um Hausburschen Mirko“
von Elisabeth Tschernitz-Berger und Johannes Kübeck, Kleine
Zeitung, 19. August 2000
Umgekehrt hat der Einkaufstourismus aus Slowenien und
Kroatien stark an Bedeutung gewonnen. Global Refund, der als Österreichs
führender Dienstleister für Mehrwertsteuer-Rückvergütung gilt,
stellte fest, dass die einkaufsfreudigsten Kunden im Jahr 1999 Touristen
aus Kroatien und Slowenien gewesen sind, deren Umsatzanteil bei 15,4
Prozent und 12,2 Prozent lag. Das Einkaufsvolumen der Kroaten ist in
diesem Jahr im Vergleich zum Vorjahr um 23,6 Prozent gestiegen, jenes
der Slowenen um fast 27 Prozent.
Unter
dem Titel „Wo muß Graz aufholen“ beschrieb die offizielle
Homepage der Stadt Graz noch im Winter 2000/2001 zu den grundlegenden
Faktoren zur Steigerung der Standortattraktivität folgendes:
“Internationale Kooperationen (z.B. Beteiligung an Städtenetzwerken)
werden im Europa der Regionen immer wichtiger. Hier fällt auch die
grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit dem Raum Marburg auf Basis
gemeinsamer Technologiefelder [...] entscheidend ins Gewicht. Die
"Technologie-Achse Graz-Marburg" könnte den Kern einer
Euregio Steiermark-Slowenien bilden.“
Auf
der anderen Seite profitierte die Industrie in Österreich besonders
von der Wende in den östlichen Nachbarländern und der eingeleiteten
„Rückkehr nach Europa“: Die rasante Entwicklung der sozialen und
regionalen Kluft kennzeichnet den fortschreitenden Desintegrationsprozeß
in den bezeichneten Ländern.
[...]“Als mir der Führer vor mehr als drei
Wochen den Auftrag gab, unsere Untersteiermark wieder einzugliedern in
die engere Heimat, und als er mir damals sagte:“ Machen Sie mir dieses
Land wieder deutsch!“ und er mir weiter sagte, daß er mir in diesem
Land alle Macht in die Hand geben wird , da war mir bewußt, daß sich
eine schwere Verantwortung auf meine Schultern senken würde.“[...]
Gauleiter
Uiberreither Marburger Zeitung, v. 29. 4. 1941, zitiert nach Stefan
Karner, Die deutschsprachige Volksgruppe in Slowenien, Hermagoras,
Mohorjeva, Klagenfurt-Ljubljana-Wien, 1998.
Die Doppelausstellung „Machen sie mir dieses Land wieder....“ wurde
als kritische Auseinandersetzung mit den neuen sich derzeit ständig ändernden
Wirtschafts- und Kapitalstrategien im Mikrokosmos Steiermark- Štajerska
angedacht. Künstler
aus der österreichischen Steiermark nahmen direkt Bezug auf die
Entwicklung der vergangenen Jahre, indem Sie, einer Investorengruppe ähnlich,
das Multimediacenter KIBLA in Marburg an der Drau für einige Wochen in
Beschlag nahmen. Vice versa wurden ein tschechischer, zwei russische und
sechs slowenische Künstler ins Pavel-Haus in Laafeld eingeladen. Eine
kritisch- und oder ironische Auseinandersetzung mit der Materie sollte
ebenso Platz haben wie eine bewußt naive Haltung. Entscheidend sollte
vielmehr das „symbolische Kapital“, um mit Bourdieu zu sprechen,
einer „grenzüberschreitenden“ Veranstaltung sein. Inflationär
verwendete Begriffe wie Völkerverständigung, Überwindung von Grenzen
etc., die durchwegs im Zusammenhang von wirtschaftlichen Interessen
propagiert werden, sollten dechiffriert werden. Die vier europäischen
Freiheiten (Waren, Kapital, Dienstleistung und Menschen) sollten nicht
bloß als neoliberalistische „Scheinfreiheiten“ dechiffriert werden,
um es bei einem „systemkritischen Ansatz“ zu belassen. Durch das
Aufzeigen von unter der Oberfläche ablaufenden Unterdrückungsmechanismen,
Phobien, Stereotypisierungen und Nationalisierungen sollten Veränderungen
in einer sich wandelnden neuen Ordnung transparent gemacht werden. Die
Unterfertigung eines gemeinsamen Kulturabkommens zwischen Österreich
und Slowenien war von einer Vielzahl anverwandter Dinge abhängig,
Kultur spielte hier wohl auch eine kleine Rolle.
[...]Obmann-Stellvertreter Kammerobmann Alois Kögl
führte an, dass die Murecker Wirtschaftstreibenden rege Kontakte mit
Slowenien pflegen. Gemeinsam sei allen Beteiligten, dass sie vom
„Grenzlandstatus“ wegkommen wollten. Slowenien habe bereits 75% der
österreichischen Wertschöpfung erreicht. Wünschenswert sei eine
Anbindung der Region an das durch den Korridor V erweiterte
Verkehrssystem, das von der Adria bis in die Ukraine führt. So gehe die
Wirtschaft mit der Kulturarbeit konform. [...]
RP
aus „Lot und Waage, 48/1 (2001)
Die Steiermark als Brücke und Bollwerk wurde in einer
Landesausstellung 1986 vorgestellt, und verweist auf die
Selbstdarstellung und das zu jener Zeit noch gut funktionierende
Paradigma vom Grenzland. Eine weitere Grundintention von M.S.m.d.L.w.
...war es in weitgehender zeitlicher Kohärenz, eine „Brückenfunktion“
vorzutäuschen, um eine „Bollwerk“-strategie einzulösen. Die
Ereignisse vom 11. September 2001 in New York, die Folgen und jene
historischen Bedingungen, die diese Ereignisse ermöglicht haben, rufen
zur Zeit der Abfassung dieser Zeilen den Topos des Kampfes der Kulturen
in der allgemeinen Diskussion auf den Plan.
Das ursprünglich formulierte Ziel einen öffentlich
ausgetragener Kulturkampf zu imaginieren, der im Sinne Marxens in „die
Sprache des wirklichen Lebens“ zurückübersetzt wird, wurde
theoretisch eingelöst. Praktisch war man davon weit entfernt.
So
war also das bewußte Konterkarieren eines „grenzüberschreitenden“
Projektes durch den Einsatz geschichtsrevanchistischer Mittel - das
Sujet der Einladungskarte und dieses Katalogs wurde dem Titelblatt einer
rechten Schriftenreihe entlehnt- schlicht ein Experiment, das mit dem
Charme der „Kunst als Ereignis“ spielt, und dennoch im Detail
stecken bleibt?
[...]Ferrero-Waldner betonte, dass Österreich
zusammen mit Deutschland darauf drängen werde, dass es im Rahmen der
Osterweiterung bei der Dienstleistungsfreiheit für Arbeitnehmer Übergangsfristen
geben müsse. Vor allem mit Pendlern zeichneten sich für Österreichs
Grenzregionen Probleme ab.[...] Schon jetzt arbeiteten mehr Österreicher
in Slowenien als Slowenen in Österreich, sagte Ferrero-Waldner. Auch
der Chrysler-Konzern warte schon auf Arbeitskräfte aus Osteuropa.
Aus:
"Unser Kommissar bleibt“, Kleine Zeitung, Michael Jungwirth
am 12. August 2000
Es kam zumindest zu einer Zweiteilung: Während sich die österreichischen
Künstler, die ihre Arbeiten im Kibla präsentierten, durchwegs mit der
Themenstellung auseinandersetzten, und als Nebenprodukt eine Grazer
Szeneausstellung im Ausland zustande brachten, war es für die Kuratorin
Aleksandra Kostić,
die den slowenischen Teil für das Pavel-Haus kuratierte schwieriger, Künstler
zu finden, die dem vorgegebenen Rahmen des sozialen Engagements gerecht
wurden. Zitat Aleksandra Kostić:
pri
izbiri slovenskih umetnikov ni bilo lahko saj pri
nas
skorajda ni politicno in socialno angaziranih in je bilo treba prav
izbrskati
take, ki se ukvarjajo s tovrstno tematiko.
„Bei der Auswahl der slowenischen Künstler war es nicht leicht,
da es praktisch keine politsch und sozial engagierten Künstler gibt.
Man mußte genau jene aufstöbern, die sich mit derartigen Themen
auseinandersetzen.“ Dies ließe den gewagten Schluß zu, dass die
slowenische Kunstszene sich vorwiegend mit Kunstproduktion beschäftigt.
„Am unerfreulichsten ist der Kunstskandal, der
ausbleibt“, so Heinz Steinert im von Christine Resch besorgten
Band „Kunst als Skandal“. Im gegenständlichen Fall war der Versuch
der Ausreizung und der Verkehrung der Codes in das Gegenteil einer
Grenz-Überschreitung ein antinationalistisches Statement. Das rechte
Sujet wurde zu einem popästhetischen Zeichen umfunktioniert. Ein in die
bürgerliche Ausstellungskultur zurückübersetztes Zeichen und nebenbei
ein Versuch, einen Skandal zu programmieren, der ausgeblieben ist.
Vorwort
aus dem Katalog "Machen Sie mir
dieses Land wieder"
Michael Petrowitsch
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