Publikationen

Signal  2000


01 Vorwort

02 Entwicklung und derzeitger Stand des Slowenischunterrichts in der Steiermark

03 Musikalische Feldforschung in der Südsteiermark

04 Tage, die Gornja Radgona bewegten

05 Unbekannte Nachbarn: Roma in Slowenien

06 Laafelder Archiv für Steiermark/Stajerska (LASS)

07 Der Radkersburger Philosoph Franz Weber (1890-1975): Leben und Bedeutung

08 Konzert des Avgust-Pavel-Chores aus dem ungarischen Porabje/Raabgebiet

09 Das Laientheater Teharje zu Gast im Pavel-Haus

Entwicklung und derzeitiger Stand des Slowenischunterrichts in der Steiermark

1. Slowenischunterricht im Radkersburger Winkel

Im Artikel 7 des österreichischen Staatsvertrages aus dem Jahr 1955 ist angeführt, dass Angehörige der Minderheiten die Möglichkeit haben müssen, den Unterricht in ihrer Sprache besuchen zu können. Nur in wenigen Fällen besteht in der Süd- bzw. Südoststeiermark das Angebot, an den Schulen im Freigegenstand oder im Wahlfach sich mit der slowenischen Sprache vertraut zu machen. Dabei wäre zu erwähnen, dass Schüler der ersten und zweiten Klasse diese Möglichkeit nicht bekommen. Dr. Wolfgang Gombocz hat in seinen Studien, veröffentlicht im österreichischen Volksgruppenreport, vorgeschlagen, das Modell des Minderheitengymnasiums von Oberwart auf die Steiermark zu übertragen und Schüler in den Hauptschulen des Grenzgebietes die Möglichkeit zu geben, zwischen Slowenisch und Englisch zu wählen. Bis es aber zur Anerkennung der Steirischen Slowenen kommt, kann man nur hoffen, dass die Schulleitung weiterhin die Bereitschaft zeigen wird, den Schülern einen Slowenischunterricht zu ermöglichen. 


Zu erwarten wäre, dass genau in diesem Gebiet, wo Leute als ihre Umgangssprache Slowenisch angeben und man wirtschaftlich teilweise vom slowenischen Nachbarn abhängig ist, eine große Nachfrage nach slowenischem Unterricht gegeben wäre. Aber leider hat der Radkersburger Winkel auch in dieser Rolle seine eigene Position, die das Resultat einiger, anscheinend unüberbrückbarer, Ereignisse in der Vergangenheit ist.

2. Einführung des Freigegenstandes Slowenisch in der Hauptschule und Volksschule von Bad Radkersburg
Das Jahr 1995 wird in der Geschichte des Artikel-VII-Kulturvereins für Steiermark als besonderes Jahr eingehen, denn in mehreren Haupt- und Volksschulen im Grenzgebiet wurde erhoben, wie groß das Interesse für Slowenisch als Freigegenstand sei. Es gab 284 Anmeldungen. In den Hauptschulen von Gamlitz und Arnfels hat es Slowenisch schon zuvor gegeben, in Bad Radkersburg musste er jedoch vollkommen neu organisiert werden. 


Die erste Hürde war die Auswahl passender Literatur. Es gab zwar an der Schule ein amtliches Verzeichnis davon, jedoch war diese Auswahl für die Altersstufe und das Vorwissen der Kinder vollkommen unbrauchbar. Am passendsten erwies sich eine Mischung aus verschiedenen Quellen. Die didaktisch und methodisch beste Literatur kommt aber aus Kärnten. 


Leider reagierte weder auf österreichischer noch auf slowenischer Seite ein Ministerium bzw. eine Gruppe auf die neue Situation. Erst einige Monate später erhielt der Staatssekräter, der für die Slowenen im anliegenden Grenzland und in der Welt zuständig war, bei einem Treffen in Graz erste Informationen über die Errungsschaft. Damals wurde die Idee geboren, dass sich alle Slowenischlehrer der angrenzenden Länder treffen sollten und kurze Zeit später fand auch schon das erste Meeting in Radovljica (Slowenien) statt. Ein Jahr danach traf man sich bei der slowenischen Minderheit in Venetien (Italien), wo ein Modell des slowenischen Kindergartens und der slowenischen Schule vorgestellt wurde. Es folgten noch Zusammenkünfte in Kärnten (Österreich) und Porabje (Ungarn). 


Die Schlüsselrolle dabei hatte der Artikel-VII-Kulturverein für Steiermark, der die Einführung des Unterrichts finanziell unterstütze. Es zeigte sich, dass der Unterricht in Radkersburg eine besondere Rolle spielte und eine größere Beachtung verdiente. So mussten erst einmal einige Fragen geklärt werden, zum Beispiel

  • Kommen die Schüler aus Familien, in denen sie die slowenische Sprache gehört haben

  • Wer hat dem Kind Slowenisch beigebracht und in welcher Form (lesen, sprechen, schreiben)

  • Welche Beziehung haben die Kinder zur Sprache des Nachbarn und zu den Nachbarn selbst

  • Wie gut kennen sie Slowenien und welche Vorstellungen haben sie davon

  • Warum sie sich für den Slowenischunterricht entschieden haben und wo ihnen dieses Wissen nützen könnte

  • Wie soll man unterrichten und wie motivieren, damit der Unterricht interressant und anziehend ist, denn die Entscheidung dafür ist freiwillig und am Ende des Schuljahres wird das Wissen in keiner Weise beurteilt

  • Soll man streng nach der Hochsprache unterrichten oder die Besonderheiten des Regiolekts bzw. Dialekts berücksichtigen

  • Nach welchen Methoden soll unterrichtet werden und mit welchen didaktischen Mitteln

Der Unterricht, zwei Stunden wöchentlich, ist freiwillig und wird nachmittags gehalten. Von Anfang an war klar, dass sich weitaus weniger Schüler zum Unterricht anmelden werden als nach der Umfrage zu erwarten war. Die zehn- bis zwölfjährigen Kinder mussten auf den Unterricht mindestens eine Stunde warten, hatten daher oft keine Möglichkeit, mit dem Bus nach Hause zu fahren und waren so auf die Eltern angewiesen. Außerdem kamen noch andere verpflichtende Tätigkeiten hinzu, wie zum Beispiel die Teilnahme beim Chor, die dann am selben Tag wie der Slowenischunterricht stattfanden. Die ersten zwei Jahre fand der Unterricht an beiden Schulen - der Haupt- sowie der Volksschule- statt, dann wurden die Schüler aufgrund von der zu geringen Zahl an Anmeldungen zu einer Gruppe zusammengelegt. 


Es zeigte sich bald, dass Slowenisch als Sprache galt, die es nicht wert war zu lernen. Und um nicht auch noch die letzten paar Schüler zu verlieren, musste man immer beweisen, dass man durch das Kennenlernen des Nachbarn mit seiner Sprache und seiner Kultur das österreichische Nationalbewußtsein nicht zerstört. Zu betonen ist aber doch, dass bei der Einführung des Slowenischunterrichts sowohl Schuldirektion als auch Schulinspektoriat sehr kooperativ waren. 

Es stellten sich erste Erfolge ein. Die Schüler brachten auf kleinen Zetteln slowenische Wörter mit, die sie aufgeschnappt hatten und deren Bedeutung sie wissen wollten, sie spielten ihren Klassenkameraden einen Streich, indem sie ihnen eine Nachricht auf der Tafel in Slowenisch hinterließen oder sie fanden auf den Dachböden zu Hause das eine oder andere slowenische Buch, teilweise sogar noch aus dem Anfang des Jahrhunderts. In solchen Momenten entwickelten sich Gespräche, wobei sich herausstellte, dass der eine Verwandte oder Freunde in Slowenien hat, der andere erzählte, von wem er ein bißchen Slowenisch gelernt hat und dass die Familiennamen vieler Kinder (Horvat, Majczan, Dolinar...) eindeutig slowenischen Ursprungs sind.


Anfänglich kamen die Kinder zum Slowenischunterricht, weil es ihre Eltern für nützlich hielten oder sie Kontakte zu Slowenen pflegten, später aber, weil sie hörten, dass man viel Spaß haben kann.


3. Die heutige Situation
Man könnte nun aus alldem über die Bedeutung der slowenischen Sprache in diesem Teil der südlichen Steiermark seine Schlüsse ziehen, in Frage gestellt werden aber leider immer noch zahlreiche Beweise für die Existenz einer autochtonen Bevölkerung im Radkersburger Winkel. Aber man kann die kleine Zahl der Schüler auch als einen selbständigen Wegbereiter für die slowenische Sprache sehen. 


Der Slowenischunterricht muss sich seinen Platz in der Hierarchie der Wichtigkeit erst erkämpfen, was bei einem so starken Gegner wie Englisch nicht einfach ist. Das Wissen, dass sich die Kinder im zusätzlichen Unterricht erworben haben, wird nicht beurteilt und es ist kaum zu erwarten, dass die Kinder im nächsten Jahr den Kurs fortsetzen werden. Beim Wechsel an eine höhere Schule werden neue Anforderungen gestellt, die die Kinder erst einmal bewältigen müssen und der Slowenischunterricht wird natürlich hintan gestellt. So kann man den Freigegenstand Slowenisch eher als eine exotische Reise als ein strenges Aneignen von Wissen sehen. Die Kinder, die den Unterricht besuchen, sind keine Angehörigen der slowenischen Minderheit. 


Im Schuljahr 1999/2000 gab es an den Pflichtschulen insgesamt 203 Anmeldungen zum Slowenischunterricht. In den Realklassen der Hauptschule Arnfels können die Schüler als zweite Fremdsprache zwischen Französisch und Slowenisch wählen, haben den Unterricht somit vormittags, die Leistungen werden jedoch nicht benotet. Heuer hat man erstmals zusammen mit der Partnerschule Muta in Slowenien eine Sprach-Schullandwoche organisiert. Ziel war es, den österreichischen Kindern die Möglichkeit zu bieten, ihre Slowenischkenntnisse anzuwenden und das Land „hinter der Grenze" besser kennenzulernen und die slowenischen Schüler konnten ihrerseits ihr Deutsch verbessern. Solche Aktivitäten sollten verstärkt gefördert und zur Tradition werden. 


An der Polytechnischen Schule in Leibnitz gibt es seit dem Jahr 1995 das dreisprachige Projekt Englisch - Slowenisch - Deutsch. Zielgruppe sind die Schüler, die das Wahlpflichtfach „Handel und Büro" gewählt haben (jährlich 12 bis 15 Schüler.), die Unterrichtsform ist Teamteaching, die unterrichtenden Lehrer kommen aus Slowenien und Österreich. Die Schüler sollen parallel zum Gegenstand Fachenglisch einfache Redewendungen des täglichen Umganges in slowenischer Sprache kennenlernen. Jugendliche sollen sich, ob als Einzelhandelskaufmann/frau in einem Leibnitzer Betrieb oder als Gast in einem slowenischen Restaurant der Sprache des geographischen Nachbarn bedienen können. 


Das Interesse der Schüler am Slowenischunterricht ist sehr gering, da das Erlernen dieser Sprache als sehr schwierig empfunden wird. 


Die jährlich beim Elternabend ausgesprochene Einladung der Lehrer an die Eltern zur Unterrichtsteilnahme wurde bis heute von keinem Elternteil wahrgenommen. 


Den Abschluss des Unterrichts bildet eine Tagesfahrt nach Maribor/Marburg, die folgende drei Schwerpunkte aufweist:

 

  • Führung durch die Altstadt von Maribor (die Erklärungen erfolgen aber in Englisch)

  • Einkauf nach vorgegebener Produktliste in verschiedenen Marburger Geschäften

  • Bestellung eines Mittagessens in einem Restaurant Nach Angaben der Lehrerin, Fr.

Birgit Nagele, die an dieser Schule seit 1970 unterrichtet, wurde diese Schule noch von keinem Schüler besucht, der Slowenisch als Muttersprache angegeben hatte. Das Projekt wurde ausschließlich für österreichische Schüler ins Leben gerufen, um diesen den Einstieg ins Berufsleben nahe der Grenze zu Slowenien zu erleichtern. 


Eine interessante Erfahrung war auch der einjährige Unterricht an der Volks- und Hauptschule in St. Anna am Aigen, Bezirk Feldbach. Geplant war ein getrennter Unterricht an beiden Schulen, aber da die Stundenpläne gleich waren, wurde der Slowenischunterricht zusammengelegt. Auch hier war das Vorwissen der 12 Schüler ähnlich wie in der Südsteiermark, aber sie waren sich der Bedeutung des Slowenischunterrichts bewußt, denn in dieser Gegend gibt es viele slowenische Saisonarbeiter. Der Direktor der Volksschule organisierte im Wintersemester sogar einen Kurs für Erwachsene. 


Entgegen allen Erwartungen gab es 1998 auch Slowenischunterricht am Gymnasium in Bad Radkersburg. Im Jahr darauf gingen diese Stunden allerdings auf Grund von Stundenplanänderungen unter. 


Generell kann man anhand der Fragebögen die Meinung über den slowenischen Unterricht und die slowenische Sprache folgendermaßen zusammenfassen: 


Für den Freigegenstand Slowenisch entscheiden sich die Schüler, weil sie die Sprache interessant finden, weil sie damit bessere Chancen haben eine Anstellung zu bekommen, weil sie die Sprache des Landes, das sie besuchen, kennenlernen und beherrschen möchten. Die Sprache finden sie interessant, schön, aber auch schwierig, den Unterricht lustig, weil sie viele Wörter durch Spiele lernen. Sie haben das Gefühl, dass sie in einem Jahr viel gelernt haben. Nur in seltenen Fällen spricht jemand aus der Familie Slowenisch, aber die Schüler kennen einige Leute aus der Umgebung, die von Zeit zu Zeit etwas auf Slowenisch erzählen. Die Schüler sind der Meinung, dass sie die Sprache in Slowenien und vielleicht auch später im Beruf, sollten sie Verbindungen mit Slowenien haben, verwenden werden. Alle sind nach einem Jahr überzeugt, dass es wichtig ist, die Sprache des Nachbarn zu lernen, v.a. deswegen, weil sie öfters über die Grenze gehen. 


Die Schüler würden die Sprache weitaus besser beherrschen, würden sie zu Hause den Stoff wiederholen, denn zwei Stunden pro Woche ist für eine so anspruchsvolle Sprache nicht ausreichend. Die Kinder sehen den Unterricht eher als Freizeitgestaltung, denn die Leistungen werden am Ende des Jahre nicht beurteilt und haben somit keinen Einfluß auf den Notendurchschnitt. Die Eltern kontrollieren die Kinder zu Hause nicht und fordern sie auch nicht auf, sich mit der Sprache außerhalb der Stunden zu beschäftigen. Es ist sogar passiert, dass Eltern den Kindern gedroht haben, ihnen den Freigegenstand Slowenisch zu verbieten, sollte ein anderer Gegenstand darunter leiden.


Ältere befragte Personen entscheiden sich hauptsächlich aus persönlichen und beruflichen Gründen, slowenisch zu lernen. Auf Grund der nahen Grenze zu Slowenien gibt es viele wirtschaftliche Verbindungen und eine gewisse Sprachkenntnis erleichtert die Kommunikation bzw. die ersten Kontakte. Einige machen Kurzreisen in Slowenien und viele haben doch slowenische Freunde und Verwandte, mit denen sie ein paar Worte auf Slowenisch wechseln möchten. 


Die Schüler entschließen sich jetzt doch immer öfter für Slowenisch, dies im Bewußtsein der nahen Grenze, um die Leute, die dort eine andere, aber gleichwertige Sprache sprechen, kennenzulernen. Im Sinne von Toleranz und gegenseitigem Verständnis! Ein Schritt, um die Grenzen in den Köpfen der Menschen verschwinden zu lassen.


Auszug aus dem Referat von Prof. Norma Bale und Susanne Weitlaner „Entwicklung und derzeitiger Stand des Slowenischunterrichts in der Steiermark" anläßlich der Konferenz „Minderheitenschulen - Zweisprachiger Unterricht", die vom 1. bis 4. Juni 2000 in Szentgotthárd/St.Gotthard/Monošter (Ungarn) stattfand. Prof. Norma Bale und Susanne Weitlaner sind als Slowenischlehrerinnen an südsteirischen Schulen tätig.