Publikationen

Signal  2000


01 Vorwort

02 Entwicklung und derzeitger Stand des Slowenischunterrichts in der Steiermark

03 Musikalische Feldforschung in der Südsteiermark

04 Tage, die Gornja Radgona bewegten

05 Unbekannte Nachbarn: Roma in Slowenien

06 Laafelder Archiv für Steiermark/Stajerska (LASS)

07 Der Radkersburger Philosoph Franz Weber (1890-1975): Leben und Bedeutung

08 Konzert des Avgust-Pavel-Chores aus dem ungarischen Porabje/Raabgebiet

09 Das Laientheater Teharje zu Gast im Pavel-Haus

Tage, die Gornja Radgona bewegten

Normalerweise fragt man, nachdem schon alles vorbei ist, nach den Gefühlen. Etwa: Wie war’s denn so im Krieg? Was hast du im Krieg gemacht, Papa? 


Hier erzähle ich Ihnen die Geschichte des Krieges in Gornja Radgona. Besser als diese Worte beschreiben die Fotografien diese Tage. Worte sind schwerfällig, oberflächlich, vielleicht schon ein wenig angeschlagen durch die Phase der Erinnerung, dennoch sind sie lebendig. Und dies nicht nur zu dem Zeitpunkt, wo man sie hört, sondern auch dann, wenn man sie als Text zu erfassen sucht. Fotografien hingegen sind peinlich genau und unbarmherzig, aber sie sind nicht lebendig. Ein Film würde eventuell lebendiger wirken, er ist es aber nicht. Wesentlich ist am Film, daß Sie wissen, daß all das nicht Ihnen passiert, obwohl Sie die Illusion der bewegten Bilder in das Zentrum des Geschehens zieht. 


Die Geschichte des Krieges in Gornja Radgona begann am Freitag, dem 28. Juni 1991, nur gute zwei Tage nach der Unabhängigkeitserklärung von der zerfallenden Republik Jugoslawien. Die jugoslawische Volksarmee begann am Donnerstag frühmorgens vom kroatischen Varaždin aus mit einer motorisierten Kolonne in Gornja Radgona einzudringen. Dies mit dem Ziel, den internationalen Grenzübergang zum österreichischen Radkersburg zu befreien. Auf ihrem Weg stieß sie auf einige Barrikaden und Straßensperren bestehend aus Lastkraftwägen, Arbeitsmaschinen und Eisenbahnwaggons. Erste Kämpfe mit dieser Kolonne aus technisch gut ausgerüsteten Panzern, Panzerfahrzeugen, Lkws und anderen Begleitfahrzeugen fanden noch am selben Tag in Ormož, an der Grenze zu Kroatien, bei Gibina und Kog sowie anschließend in Radenci statt. Der jugoslawische Heereszug wurde von Oberst Berislav Popov angeführt. Am Freitag hat es in Radenci und Gornja Radgona während einer Schießerei am Vormittag bereits zwei zivile Opfer gegeben. In Radenci starb Alojz Gaube einige Tage später im Krankenhaus an den Folgen seiner Wunden, und im Stadtkern von Gornja Radgona der in Slowenien bekannte Weltenbummler Janez Svetina, der aus Bled stammte. Svetina wurde beim Versuch einen Panzer zu fotografieren tötlich getroffen. 


Die Mitglieder der slowenischen Territorialarmee, der slowenischen Polizei und Freiwillige haben vor und in der Stadt selbst einige Straßensperren aufgestellt, die sie auch verteidigten, jedoch die Panzerkräfte der jugoslawischen Armee waren stärker. Die wohl spektakulärste Episode der Kriegshandlungen in Gornja Radgona war das Abfackeln der LKWs der jugoslawischen Armee im Zentrum der Stadt zwischen der Partizanska cesta und dem Maistrov trg bzw. zwischen der Elradova menza und dem Stari špital. Im Zuge der Kämpfe kam es dazu, daß Freiwillige diese Kolonne bestehend aus etwa zehn LKWs und zwei Jeeps, die unter anderem Soldaten, Waffen, Munition, Nahrung, Wasser, Treibstoff transportierten, mit Molotow-Coctails in Brand setzten. Einen Weg zurück gab es nicht. Die brennende Munition explodierte nach und nach und dies noch eine lange Zeit am Nachmittag dieses Tages. Gegen Abend versammelten sich dort immer mehr Neugierige, die nicht wußten oder sich nicht überzeugen ließen, daß die Situation ernst war. Die Einheit von Berislav Popov hatte in dieser verbrannten Kolonne sowie auch während dem vorangegangenen Schußwechsel mit der Territorialarmee und der Polizei Opfer auf seiner Seite zu verzeichnen. Mindestens zehn verwundete Soldaten suchten Hilfe in der Poliklinik von Gornja Radgona. Jene, die ihre verletzten Kollegen hinbrachten, bemerkten bald, daß es sich nicht um einen Angriff auf Jugoslawien von außen handelt, sondern vielmehr um einen Angriff der jugoslawischen Armee auf Slowenien. Alle Soldaten, die ins Gesundheitszentrum kamen und gehen konnten, zogen ihre Armeeuniform aus, die Einwohner von Gornja Radgona besorgten ihnen Zivilkleidung und brachten sie in Sicherheit. 


Später entwickelten sich in Gornja Radgona noch mehrere kürzere oder längere scharfe Gefechte. Die Waffenstillstände dazwischen standen auf sehr wackeligen Beinen. Nach jedem Schuß und jedem Granatenknall war von der Stadt ein Stückchen weniger da. Und auf beiden Seiten gab es mehr Verwundete, vielleicht auch Tote. Gesicherte Daten über Todesopfer auf Seite der jugoslawischen Armee wurden nie bekannt gegeben.


Schwer beschädigt im Kugelhagel wurde auch der Glockenturm der St. Peter-Kirche in Gornja Radgona, auf den Popov schießen ließ, da er dort offensichtlich Scharfschützen vermutete, die sich ja im Glockenturm einnisten hätten können, obgleich das nicht geschehen ist. 



Nach dem einvernehmlichen Abzug des Heerzuges aus der Stadt - zur Einigung kam es auf höherer Ebene zwischen dem neuen slowenischen Staat und der einstigen gemeinsamen jugoslawischen Armee - konnte man an die 17 Panzer zählen, die sich nun entfernten. Einige der Fahrzeuge waren in den Kämpfen so beschädigt worden, daß sie abgeschleppt werden mußten. In der Stadt blieben etwa 20 zerstörte oder verbrannte Wohnungen und Wohnhäuser zurück. Einige davon mußten danach abgerissen werden. Noch heute tut es mir um das Haus am Grenzübergang leid, das sein zweites Stockwerk in der Kerenciceva ulica hatte, das Erdgeschoß jedoch in der Jurkoviceva ulica. Jetzt befinden sich dort häßliche Betonstufen, die die erwähnten Straßen verbinden. Auch der Glockenturm der Pfarrkirche war zerschossen worden. Ebenso zerstört waren Fabriksgebäude vor der Stadt, die Verkehrsinfrastruktur war beschädigt, mehr als 200 Personen hatten in ihrer Wohnung einen mehr oder weniger großen Schaden, von zerstörten Teilen des Hauses über verbrannte Vorhänge im Schlafzimmer bis zu durchschossenen Küchenelementen. In der verbrannten Kolonne war eines der schrecklichsten Bilder, das ich jemals im Leben gesehen habe, die verkohlte Leiche eines Soldaten in der Kabine eines der verbrannten Fahrzeuge. Nach dem Krieg sprach ich mit einem der Freiwilligen, der angeblich bei der Sache mit den Molotowcoctails anwesend war. Ich fragte ihn, wie es denn möglich gewesen wäre, daß in einem Fahrzeug ein Mensch verbrennen konnte. Er sagte mir: “Als ich mit dem Molotowcoctail in der Hand vor diesen Lastwagen sprang, beobachtete ich, daß noch jemand darin sitzt. Die anderen Soldaten flüchteten nämlich bereits nach dem ersten Knall. Für einen Augenblick blieb ich stehen und begann zu schreien, er solle doch aus der Kabine springen. Jedoch bewegte er sich nicht. Möglicherweise war er schon verwundet oder tot. Von überall kamen Schüsse. Ich selbst stand an einem gefährdeten Platz vor dem angehaltenen Lastwagen. Plötzlich gab es in diesem Augenblick keine Wahlmöglichkeit mehr. Ich dachte: “Entweder wird seine Mutter oder meine Mutter trauern!” und er warf den Molotowcoctail. So funktioniert der Krieg. Es gibt keine Auswahl mehr! Beziehungsweise ist jede Wahl, die zur Diskussion steht, unmöglich, schrecklich. Entweder du oder ich. Wenn du die Waffe wählst, mußt du bis zum Ende gehen. Oder du bist fertig. 


Ich habe meinen Beruf als Journalist bereits ausgewählt, bevor der Krieg vor meiner Haustür stand. Wenngleich das nicht die sicherste Auswahl war, habe ich, als die Kämpfe in Gornja Radgona begannen, mich wieder für den Journalismus entschieden. Ich nahm Fotoapparat, Schreibzeug und Notizblock in die Hand. Diese Auswahl war weitaus weniger schrecklich und unmöglich, als die Auswahl der Waffen. Wie war’s also im Krieg? Wenn es doch nie wieder Krieg gäbe!


Boris Jaušovec ist Journalist bei der slowenischen Tageszeitung Vecer