Publikationen

Signal  2000


01 Vorwort

02 Entwicklung und derzeitger Stand des Slowenischunterrichts in der Steiermark

03 Musikalische Feldforschung in der Südsteiermark

04 Tage, die Gornja Radgona bewegten

05 Unbekannte Nachbarn: Roma in Slowenien

06 Laafelder Archiv für Steiermark/Stajerska (LASS)

07 Der Radkersburger Philosoph Franz Weber (1890-1975): Leben und Bedeutung

08 Konzert des Avgust-Pavel-Chores aus dem ungarischen Porabje/Raabgebiet

09 Das Laientheater Teharje zu Gast im Pavel-Haus

Unbekannte Nachbarn: Roma in Slowenien

In Slowenien leben heute nach offiziellen 7.000, nach inoffiziellen Schätzungen in etwa 10.000 Roma. Bei der Volkszählung im Jahre 1991 haben sich allerdings nur 2.293 slowenische Staatsbürger als Roma deklariert, 2.847 Staatsbürger gaben Romanes als ihre Muttersprache an. 


Das erste Dokument, das die Anwesenheit von Roma im heutigen Slowenien bekundet, stammt aus dem Jahre 1387 und beinhaltet eine Eintragung über einen Rom aus Ljubljana. Archivdokumente aus dem 15. Jahrhundert erwähnen den Namen 'Cigan' (Zigeuner) im Zusammenhang mit dem Beruf des Schmiedes. Ab dem 17. und 18. Jhdt. werden die Dokumente häufiger und genauer: Sie berichten von Roma in Unterkrain (Dolenjska), Oberkrain (Gorenjska) und im Übermurgebiet (Prekmurje). 


Auch heute noch sind das die drei Hauptsiedlungsgebiete slowenischer Roma entsprechend den drei Romagruppen, die sich sowohl sprachlich als auch kulturell voneinander unterscheiden. Die kleinste Gruppe bilden dabei die Gorenjski Sinti in Oberkrain, die größte Gruppe die Prekmurski Roma im Gebiet von Murska Sobota, nur wenige Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt. Letztere wurden zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert aus Ungarn kommend im Übermurgebiet seßhaft und weisen daher sowohl geschichtlich als auch sprachlich die größten Ähnlichkeiten mit den Roma im Burgenland sowie den ungarischen Vend-Roma auf. Die traditionell ausgeübten Berufe wie Schmied, Musiker, Flechter, Gelegenheitsarbeiter und Landfahrer, aber auch Schleifer und Schirmemacher werden heute aufgrund der mangelnden Nachfrage praktisch nicht mehr ausgeübt; die Prekmurski Roma werden meist als unqualifizierten Arbeitskräfte oder als Saisonarbeiter eingestellt. 


Die Dolenjski Roma, im Gebiet um Krško und Novo Mesto an der Grenze zu Kroatien ansässig, bilden die zweite große Gruppe slowenischer Roma. Sie sind aus dem Südosten zugezogen und unterscheiden sich daher sprachlich wie auch kulturell von den Prekmurski Roma. Der Sprachwissenschaftler Rahde Uhlik konnte in ihrem Dialekt sprachliche Elemente feststellen, die eine Verwandtschaft mit Romafamilien am Südbalkan nahelegen. Die von ihnen traditionell ausgeübten Berufe waren Schmied, Steinklopfer, Pferdeverkäufer und Pferdeheiler, aber auch Kräutersammler. Die ökonomische Situation der Unterkrainer Roma ist deutlich schlechter als die der Prekmurski Roma; vor allem das niedrige Bildungsniveau stellt eines der größten Beschäftigungshindernisse dar, wird aber verständlich, wenn man bedenkt, daß die Kinder zum Großteil mit ihrer Muttersprache Romanes aufwachsen und erst in der Schule Slowenisch lernen müssen und auf Grund der schlechten wirtschaftlichen Situation früh zum Familieneinkommen beitragen müssen. 


Um die Situation der Roma in Slowenien, vor allem, was Arbeit, Bildung, Wohnsituation sowie den Erhalt der Kultur betrifft, zu verbessern, wurden in den Jahren 1991 bis 1996 sechs Roma-Vereine gegründet (Novo Mesto, Murska Sobota, Krško, Puconci, Srdica und Velenje). Diese sechs lokalen Vereine sind im 'Verband der Roma-Vereine Sloweniens' (Zveza Romskih društev Slovenije) zusammengeschlossen. In Murska Sobota findet das jährliche internationale Treffen der Roma (Mednarodni Romski Tabor) statt, bei dem Kultur, Geschichte, Ethnologie und Sprache der Roma im Vordergrund stehen. 


Auf den Lokalsendern von Murska Sobota und in Novo Mesto gibt es eine wöchentliche Radiosendung von und für Roma; der 'Verein zur Förderung der präventiven und freiwilligen Arbeit' gibt eine Zeitschrift mit dem Namen Romano Them, 'Die Welt der Roma', heraus. 


Obwohl sich einiges bewegt, wünscht sich Jožek Horvat, Autor und Obmann des Zveza Romskih društev Slovenije und der Romani Union in Murska Sobota, dennoch, daß die 'Anlauf- und Vollzugsstellen, die sich mit den Roma befassen, [...] viel mehr Arbeit unter den Menschen als im Büro verrichten, denn so könnten sie die wirklichen Probleme sehen und sie auch effektiver lösen, natürlich mit Hilfe der Roma selbst'.



Das Romani des Prekmurje

Ebenso wie alle anderen auf der Welt gesprochenen Romani-Dialekte und -Varianten ist das Romani des Prekmurje eine indogermanische Sprache, gehört zum Zweig der indo-iranischen Sprachen und weist damit eine nahe Verwandtschaft mit den neuindischen Sprachen auf. Das Prekmurje-Romani wird gemeinsam mit dem Burgenland-Romani und dem ungarischen Vend zur Vend-Gruppe der sogenannten Südzentralen Dialekte (SZD) gezählt. Auf der Ebene der Morphologie weisen diese Romani-Varianten kaum Unterschiede auf; die wenigen Verschiedenheiten liegen eher in lautlichen und lexikalischen Spezifika. 


Was den lexikalischen Bereich betrifft, haben die drei Varianten der Vend-Gruppe durch den historischen Sprachkontakt bedingte Entlehnungen aus dem Ungarischen gemein; die Unterschiede betreffen vor allem den Bereich der jüngsten Entlehnungen. Wo im Burgenland-Romani Entlehnungen aus dem Deutschen bzw. aus dem südburgenländischen Dialekt und im Vend aus dem Ungarischen dominieren, wurden und werden im Prekmurje-Romani Wörter aus dem Slowenischen ins Romani integriert. 



Im folgenden einige Beispiele für die Unterschiede zwischen dem Burgenland-Romani und dem Romani der Prekmurje auf lautlicher Ebene:

Bgld.-Romani Prekmurje-Romani Deutsch soharel sohaurel heiraten phaba phauba Apfel ada adau dieser orde ourde hierher tschavore chavoure Kinder maro mauro, mauru Brot phuro phuru alt dschamba žamba Frosch dschuvli žuvli Frau dschav žav gehen seleno zeleno, zelenu grün etc.

Wenn man sich nun einen ganzen Satz ansieht, bleibt die große Ähnlichkeit zwischen den beiden Varianten trotz verschiedener Verschriftlichung dennoch deutlich:

Bgld.-Romani Prekmurje-Romani Deutsch Schunen, aven khetan. Iste tumenge valaso phukavav. Šunen, aven khetaun. Site tumenge valasu phukauvaf. Hört, kommt alle her. Ich muß euch etwas erzählen. Dschanes kaj naschtig atschas adaj. Žaunes kauj nauštik achas adej. Du weißt, daß wir hier nicht bleiben können. 



Was hier zusätzlich auffällt, ist natürlich die Verwendung von unterschiedlichen Graphemen. Während im Burgenland-Romani aus naheliegenden Gründen den deutschen Schriftzeichen der Vorzug gegeben wurde, wird man für die Verschriftlichung einer slawischen Romani-Variante klarerweise die (süd-)slawischen Grapheme mir den dafür typischen diakritischen Zeichen (z.B. š, ž, etc.) verwenden. 


Die Verschriftlichung für das Burgenland-Romani ist mittlerweile abgeschlossen; für das Prekmurje gibt es Ansätze zu einer eher phonetischen, dem Gesprochenen sehr nahen Verschriftlichung. Hier wird noch zu entscheiden sein, ob man diese Variante, die auch im Schriftbild gut als Prekmurje-Romani erkennbar bleibt, wählt, oder einer stärker standardisierten Variante den Vorzug gibt, die den Vorteil hat, daß sie auch für andere Roma besser lesbar ist. Letztendlich muß diese Entscheidung von Wissenschaftlern UND den Sprechern selbst gefällt werden und - Konsistenz innerhalb des Systems vorausgesetzt - von einer möglichst breiten Basis von Roma-Sprechern als Verschriftung “ihrer” Sprache angenommen werden. 



Mag. Ursula Glaeser ist Mitarbeiterin des Romani-Projekt in Graz und Oberwart