Publikationen

Signal  2000


01 Vorwort

02 Entwicklung und derzeitger Stand des Slowenischunterrichts in der Steiermark

03 Musikalische Feldforschung in der Südsteiermark

04 Tage, die Gornja Radgona bewegten

05 Unbekannte Nachbarn: Roma in Slowenien

06 Laafelder Archiv für Steiermark/Stajerska (LASS)

07 Der Radkersburger Philosoph Franz Weber (1890-1975): Leben und Bedeutung

08 Konzert des Avgust-Pavel-Chores aus dem ungarischen Porabje/Raabgebiet

09 Das Laientheater Teharje zu Gast im Pavel-Haus

 

Der Radkersburger Philosoph Franz Weber (1890-1975): Leben und Bedeutung

Im Hause Laafeld Nr. 30 (beim bald 175 Jahre alten Hakenhof in Laafeld 30 handelt es sich um das mittlerweile als Kulturhaus etablierte “Pavel-Haus”) befindet sich im nordöstlichen Eckzimmer ein Gemälde, welches den 1945 zwangspensionierten Laibacher Philosophieuniversitätsprofessor France Veber zeigt. Das Kunstwerk stammt von Niko Knez, der den etwa 70-jährigen Veber über Vermittlung von DDr. Ludovik Bartelj kennenlernte, das in hellen Farben gehaltene Brustbild aber nach einem Photo aus den Dreißigerjahren anfertigte. Veber verstarb 1975 und hinterließ das Bildnis seinem Freund und letzten Schüler, Ludovik Bartelj, der es seinerseits noch vor der Eigenstaatlichkeit Sloweniens dem Verfasser dieser Zeilen übereignete. Von diesem ging das Bildnis in den Besitz des Artikel-VII-Kulturvereins für Steiermark, dem Besitzer des Pavel-Hauses, über. Wieso das? Und warum gerade France Veber im Pavel-Haus?


Die Antwort lautet: Er ist einer von uns.- V/Weber wurde als Franz Weber in der südlich der Mur gelegenen Vorstadt von Radkersburg in eine Handwerkersfamilie mit kleinem landwirtschaftlichem Besitz geboren, der unter anderem auch in Mitterling nördlich der Mur liegt. Die dominierende Familiensprache des zweisprachigen Elternhauses und die Erstsozialisation des begabten Jungen waren slowenisch, als Gymnasiast in Marburg/Maribor leistete er “kirchliche Volkstumsarbeit” in den fünf “windischen Dörfern” im Radkersburger Winkel (Siehe: Leseprobe aus Webers Autobiographie). 


Franz Weber (als in Ljubljana lehrender Philosoph und Buchautor der Zwischenkriegszeit nennt er sich “France Veber”) wurde am 20. September 1890 im Hause Untergries 13 in jenem südlich der Mur gelegenen Ortsteil der Stadt Radkersburg geboren, welcher seit der Grenzziehung aufgrund des Friedensvertrages von St. Germain (1919) zu Slowenien (1920-1991 zu Jugoslawien) gehört. Nach fünf Klassen Volksschule in St. Peter im heutigen Gornja Radgona hat er in den Jahren 1902 bis 1910 das Humanistische Gymnasium in Marburg/Maribor besucht, wo er dann auch ins katholische Priesterseminar der Lavanter Diözese eintrat. Im Frühjahr 1912 verließ er das geistliche Haus und übersiedelte rechtzeitig zu Beginn des Sommersemesters an die Universität Graz, um Philosophie (damals noch unter Einschluß der Psychologie und Pädagogik) und Klassische Philologie (Latein und Griechisch) zu studieren. Hier in der Landeshauptstadt der “Štajerska” erfuhr der spätere erste Philosophie-Lehrstuhlinhaber der Laibacher Universität, also der erste säkulare, akademische Philosoph Sloweniens, seine philosophische und psychologische Ausbildung bei Alexius Meinong (1853-1920) und dessen Schülern, in der sogenannten “Grazer gegenstandstheoretischen Schule”. Trotz Kriegsdienstes hunderte Kilometer abseits vom Studienort (schon ab 1915) promovierte Weber im Februar 1917 zum Doktor der Philosophie und dies “einstimmig mit Auszeichnung". Seine Dissertation ist leider verlorengegangen. Zumindest gibt es nach heutigem Wissensstand niemanden, der sie gesehen hat oder gar besitzt. Ein Archiv- oder Belegexemplar an der Universität Graz ist nicht nachweisbar. Nach dem Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie wandte sich der gerade dreißigjährige Franz Weber mit Alexius Meinongs tatkräftiger Unterstützung nach Süden, wo in Ljubljana eine neugegründete Universität nach einem Philosophen Ausschau hielt. Noch 1919 hat sich Weber in Agram/Zagreb habilitiert, 1920 wird er Univ.-Dozent an der Universität in Ljubljana, 1923 außerordentlicher, 1929 ordentlicher Professor, 1940 Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Künste. Mit Datum vom 30. November 1945 wurde er zwangspensioniert, bald darauf seiner Akademie-Mitgliedschaft verlustig erklärt und, nach übereinstimmenden Aussagen von Schülern und Freunden, mit einem “amtlichen” und unbefristeten Schreibverbot belegt. Er ist am 3. Mai 1975 in Ljubljana verstorben, nachdem er noch 1970 das goldene Doktordiplom der Universität Graz in Empfang genommen hatte. Bis 1919 und ab (etwa) 1950 schreibt sich Weber “Weber”. In den Jahren 1920 bis 1945 publiziert er in slowenischer Sprache als France Veber. Erst gegen Jahresende 1996 hat ihn die Akademie der Wissenschaften und Künste Sloweniens, also etwa 50 Jahre nach dem Ausschluß, rehabilitiert. 


Der selbstbewußte Radkersburger Philosoph sah in dem 1930 in slowenischer Sprache publizierten Buch “Philosophie”, welches eine philosophische Anthropologie entwickelt, die Weber 1928 zunächst über das damals neue Medium des Rundfunks in acht Vorträgen in deutscher Sprache verbreitet hatte, den Beginn einer neuen und eigenständigen, einer zweiten Phase seines Philosophierens. Auffällig ist die ungefähre Zeitgleichheit mit inhaltsverwandten Büchern der im deutschen Sprachraum berühmten Philosophen Max Scheler und Martin Heidegger. Die Ergebnisse der philosophischen Suche des “Gegenstandstheoretikers”, nun realisiert sich Veber mit “V” am Namensanfang, eines Phänomenologen der Generation begeisterter Adepten, sind indes eine säkularisierte, allerdings nicht ausreichend entmythologisierte Version wesentlicher Teile des abendländisch-christlichen Menschenbildes, ohne daß eine stärkere naturwissenschaftliche oder weltanschauungskritische Durchdringung seiner “Neuerungen” zum Vorschein kommt. Als das eines “Tier-Gott-Zwischenwesens” trägt Vebers Bild des Menschen nicht nur Züge, wie sie dem heutigen “tierfreundlicheren” Bemühen der philosophischen Anthropologie zuwiderlaufen. Es ist auch Zeugnis für die mehrfach bei Phänomenologen seiner Generation festzustellende “Rückkehr” zu einem gereinigten Christentum, wie sie sich, ebenfalls in größter zeitlicher Nähe zu Veber, z.B. bei der Husserl-Assistentin (und seit kurzem “Heiligen”) Edith Stein (1891-1942) oder aber auch bei Simone Weil (1909-1943) finden. Vebers komplexe Variante ist weder außergewöhnlich noch aufregend, sicher weniger außergewöhnlich als Edith Steins und durchaus nicht annähernd so aufregend wie Simone Weils. Ob ihm diese “Wende” zum Christentum allein die Feindschaft der Tito-Administration und die Entfernung aus der Universität eingebracht hat, muß offen bleiben. Tatsache ist, daß der mit einem sehr niedrigen Salär zwangsfrühpensionierte “Schreibtischtäter” schließlich beim katholischen Wochenblatt “Družina” weniger als Korrektor (wie offiziell gesagt) denn als Autor und Redaktor tätig war.


Mag. Dr. Wolfgang Gombocz ist a.o. Professor für Philosophie an der Universität Graz


Leseprobe aus Webers Autobiographie:

“Moja filozofska pot - Mein philosophischer Werdegang” in der Übersetzung von Dr. Andrea Haberl-Zemljic
Ich wurde am 20. September 1890 in Oberradkersburg in einem Stadtteil geboren, der damals als letzte Gasse am rechten Murufer zur Stadt Radkersburg gehörte. Diese und die gesamte Umgebung war von Slowenen besiedelt [...] Die Bevölkerungszahl belief sich zu dieser Zeit auf 2000 Menschen. Unter ihnen war auch der bekannte Arzt Dr. Kamniker [...] Die Eltern waren natürlich auch der Abstammung nach slowenisch. Der Vater Jožef, geboren in der Gorenjska [...] hatte als Unteroffizier der Artillerie in Radkersburg gedient und ließ sich dort als gelernter Schneider nieder. Erst hier lernte er etwas deutsch. Die Mutter Franciška, eine geborene Trofenik aus Mala Nedelja bei Ljutomer, war gelernte Näherin. Sie hatten ein eigenes, solid gebautes Haus im Untergrieß. Mir als Erstgeborenem folgten später noch drei Schwestern nach. Die Mutter war in der Haushaltsführung energischer als mein Vater. Meine Eltern übten ihr Handwerk aus und kauften Besitz hinzu, schließlich auch einen Weingarten und eine Mühle an der Mur. Ich habe als Kind nie Mangel verspürt und wurde von der Mutter bevorzugt behandelt. Sie wallfahrte gern und nahm mich dabei des öfteren mit, einmal im Alter von fünf Jahren auch nach Mariazell. [...] Ich besuchte die Volksschule zu St. Peter im slowenischen Gornja Radgona. Unter den Lehrern erinnere ich mich besonders an Frau Hren, die ein hohes Alter erreichte ... sie machte bei den Kindern einen vertrauenerweckenden Eindruck und übte besonders auf mich in der ersten Klasse einen geradezu entscheidenden Einfluß aus. [...] Gleich gut kann ich mich auch an meinen Lehrer in der dritten Klasse, Dominkuš, erinnern, ein nationalbewußter Mann und vielleicht gerade deswegen bei der eher deutsch ausgerichteten Gesellschaft nicht sehr angesehen. Er war aber ein guter Lehrer. Das galt auch für den Oberlehrer und Schuldirektor Erschenjak, der aber leider, im Gegensatz zu Dominkuš, auf der deutschen Seite stand. Der Unterricht fand in Slowenisch statt. Natürlich sprachen wir aus der “Stadt” alle auch deutsch, während dies die Kinder vom Land nicht konnten. Offensichtlich betrachtete Erschenjak die Schule als eine Art Verdeutschungsanstalt, doch hatte er damit bei den Kindern keinen Erfolg. Wir Kinder widersetzten uns unbewußt jeglichem Versuch, uns den Deutschen anzunähern, und ich kann mich noch gut daran erinnern, gegenüber meinen Mitschülern isoliert gewesen zu sein: Die Deutschen waren mir gegenüber kühl und abweisend und nannten mich einen Windischen, die Slowenen aber vertrauten mir nicht recht. Doch haben wir Slowenen immer zusammengehalten und waren bei Raufereien immer in der Überzahl. Ich machte Fortschritte, und dies war den Lehrern zu verdanken, die in dieser Hinsicht zwischen deutschen und slowenischen Schülern keinen Unterschied machten. [...] [...] Während der Ferien waren meine Kollegen und ich in den oberen Klassen des Gymnasiums stark in die nationale Arbeit eingebunden. In diesen Ferienmonaten bereiste ich mit der slowenischen Mittelschul- und Landjugend unsere slowenischen Dörfer jenseits der Mur, wie z. B. Laafeld, Sicheldorf und Dedenitz mit ihrer schon teilweise protestantischen Bevölkerung und auch andere Orte. Dort fanden Volksfeste und Theateraufführungen, bei denen auch ich mitwirkte, statt. Nur beim Singen konnte ich nicht mithalten, weil ich kein Gehör hatte. Das waren die schönsten Tage und Wochen dieser Ferien. Es erscheint mir heute merkwürdig, daß das deutsche Radkersburg von all dem nichts wußte, obwohl sich unsere jugendlichen Aktivitäten doch gleich am Stadtrand abgespielt haben. [...]

Zitiert nach Dr. Andrea Haberl-Zemljic: Bemerkungen zum Werdegang des France Veber, Graz: philo. Dipl. 1989, 96 Seiten plus Anhang S. 1*-79*.