Publikationen

Signal  1999


01 Vorwort

02 Ethnomusikologische Feldforschung in der Südsteiermark

03 Handschriftliche Aufzeichnungen des Priesters M. Ljubša

04 Mit dem Fahrrad Grenzen überwinden

05 Johann Puch / Janez Puh - ein Abriss

06 Grenzüberschreitende Jugendliteratur

07 Die Gottscheer

 

Ethnomusikologische Feldforschung in der Südsteiermark

 "Gremo na Štajersko....."
Die erstaunlichen Ergebnisse einer ethnomusikologischen Feldforschung in der Südsteiermark

"Gremo na Štajersko....." ist der Textanfang eines beliebten slowenischen Liedes, das in der Ausstellung des Artikel VII-Vereins über die Steirischen Slowenen im Pavel-Haus vorkommt. Als Ethnomusikologin wurde ich bei meinem ersten Besuch im Pavel-Haus vor allem wegen dieser Abbildung neugierig auf das Liedgut der Steirischen Slowenen. Als ich mich auf die Suche nach Dokumenten begab, wurde ich allerdings nicht fündig. Außer einigen historischen Textaufzeichnungen in slowenischer Sprache im Steirischen Volksliedwerk waren keine ethnomusikologischen Belege zu finden. 

Andererseits lagen ein Reihe von historischen und volkskundlichen Publikationen vor, die erwarten ließen, daß sehr wohl musikalische Ausdrucksformen vorhanden wären, und daß nur aufgrund der schwierigen und sensiblen Ausgangssituation sich einfach noch niemand damit beschäftigt hätte. Soweit die Motivation für das Feldforschungsvorhaben, nun zur Ausgangssituation. 

Die Historiker haben bereits Wesentliches geleistet um die "verdrängte Minderheit" aus einer Situation des Verschweigens herauszuholen, ebenso wie die Sprachwissenschaft (vgl. Stenner 1997, Promitzer 1996, Österreichisches Volksgruppenzentrum 1996). Die historische Aufarbeitung eines solchen Themas kann sich auf Dokumente stützen und braucht nicht so sehr den lebendigen Menschen. Schwieriger ist es schon für die Volkskunde, was sich der Publikation "Blatten - Ein Dorf an der Grenze" (Moser/Katschnig-Fasch 1992) entnehmen läßt. Es handelt sich um einen Erfahrungs- und Ergebnisbericht einer Projektlehrveranstaltung am Institut für Volkskunde der Universität Graz, die 1987/88 durchgeführt wurde. Diese Feldforschung, die insbesondere Gesichtspunkte wie Identität, Kommunikation und subjektive Erfahrungen ins Auge faßte, verlief absolut nicht reibungslos. Das Mißtrauen und die Ablehnung der Blattener ging so weit, daß sie die Bezirkshauptmannschaft und sogar die Staatspolizei informierten. 

Die Feldforscher hatten ihre Intentionen zunächst in einem Schreiben offengelegt, was ihnen nicht gerade die Türen öffnete. Am meisten Angst machte jedoch die Teilnahme eines Kollegen aus Ljubljana mit jugoslawischem Autokennzeichen, worauf einer der Dorfbewohner mit den Worten reagierte "ein Jugo hat da nichts zu suchen, den werf ich raus" (Moser/Töscher 1992:34). Der Hartnäckigkeit der Forscher ist es zu verdanken, daß in dieser Publikation nun doch eindrucksvolle Ergebnisse vorliegen, die sich zum Teil auf andere Grenzorte der Südsteiermark übertragen lassen. 

Blatten liegt im steirisch-kärntnerisch-slowenischem Grenzgebiet und liegt relativ abgeschieden. Durch die Grenzziehung von 1919 wurde Blatten in einen slowenischen und einen österreichischen Teil gespalten, wobei der Ortskern in Slowenien verblieb. Zum Zeitpunkt der Erhebung lebten in Blatten nur mehr 34 Personen, 1992 bereits weniger als 20. "Blatten ist eine Gegend mit doppelten Marginalisierung durch Provinzialität und Grenze. Zum einen gibt es die administrative Abgrenzung gegenüber einem anderen Staat, dessen Sprache (zumindest in der angrenzenden Region) Herkunftssprache der Blattener und somit Teil ihrer Individualbiographie ist. Zum anderen gibt es eine imaginäre Grenze, die neben der geographischen Abgeschiedenheit eine Ausgrenzung durch das regionale Umfeld darstellt, in deren Mittelpunkt die Klassifikation als sprachliche Minderheit steht" (Moser/Katschnig-Fasch 1992:43). Diese Situation wird als prägend empfunden und es wird sehr viel verdrängt. Die gesamte Studie wirkt nicht gerade ermutigend für weitere Feldforschungsprojekte. Auch die Aussagen der Aktivisten des Artikel-VII-Kulturvereins erweckten nicht viel Hoffnung, daß in einer ethnomusikologischen Feldforschung interessante Ergebnisse erzielt werden könnten. 

Meine Erfahrungen in der Erforschung der Musik von Minderheiten gehen jedoch in die Richtung, daß die Fragestellungen der Ethnomusikologie als weniger bedrohlich erlebt werden, als jene der Ethnologie oder der Soziologie. Es geht primär um die Musik, also zunächst darum, ob gesungen wird, erst in zweiter Linie darum, in welcher Sprache. Außerdem hat die gesungene Sprache einen anderen Stellenwert, als die geprochene. Dies mag der Grund dafür sein, daß die oben bereits angesprochene Feldforschung in der Südsteiermark vom 1.5.-7.5.1999 erfolgreich verlaufen ist. Sie wurde unter Nutzung verschiedener Synergien geplant: Das Steirische Volksliedwerk war an musikalischen Belegen aus dem Grenzgebiet interessiert, weil dieses Gebiet bisher in der Feldforschungstätigkeit stiefmütterlich behandelt wurde und reichte diesbezüglich ein EU-Projekt ein, das bewilligt wurde. 

Das Institut für Volksmusikforschung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien ortete im Rahmen des Minderheitenschwerpunktes das vollkommene Fehlen von Tondokumenten betreffend die steirischen Slowenen. Studenten des Instituts für Volksmusikforschung in Wien und der Universität Graz (Institut für Musikwissenschaft) waren an einem Feldforschungspraktikum zu diesem Thema interessiert, wie auch das Österreichische Volksliedwerk. Außerdem standen der Artikel-VII-Kulturverein und die mit ihm verbundenen Wissenschaftler mit Rat und Tat zur Seite. Es wurden aus den 12 beteiligten Feldforschern 4 Teams gebildet, die alle relativ unbelastet an die Sache herangingen, und in den drei Siedlungsgebieten der steirischen Slowenen wie auch jenseits der Grenze sowohl explorativ (in Befragungssituation) als auch dokumentarisch (Mitschnitte von Ereignissen) Tonaufnahmen erstellten. Als sehr wesentlich erwiesen sich folgende Faktoren: Wir waren nicht im Forschungsgebiet selbst stationiert, sondern wohnten in Straß, wurden also in den verschiedenen Dorfgemeinschaften weder als Störfaktor noch als Bedrohung wahrgenommen. 

Von Straß aus unternahmen wir unsere Fahrten in alle Forschungsgebiete: Tieschen, Raum Radkersburg, Raum Leutschach, Raum Soboth, diesseits und jenseits der Grenze. In jedem Team war eine Person, die slowenisch oder serbokroatisch sprach, was besonders bei den Aufnahmen jenseits der Grenze von großer Bedeutung war. Alle Teams wurden darauf vorbereitet, behutsam vorzugehen, mit viel Geduld gewappnet zu sein, primär, dem Forschungsgegenstand entsprechend, nach Musik und Brauch zu befragen und nicht nach ethnischer Zugehörigkeit. Wir wollten die musikalischen Ausdrucksformen einer Region dokumentieren, wobei keine Wertung von slowenisch oder deutsch impliziert war. Die in der Blatten-Studie angesprochene Ablehung und Kälte der Gewährspersonen haben wir kaum erlebt, es gab nur einige wenige, die nicht mit uns sprechen wollten. 

Durch mehrmalige Besuche und den Aufbau eines gewissen Vertrauensverhältnisses entstanden auch starke persönliche Beziehungen zwischen Forschern und Erforschten, was sich daran ablesen läßt, daß alle Teams dazu eingeladen wurden und sich auch vornahmen wiederzukommen. Die meisten Gewährspersonen wurden zum ersten Mal ethnomusikologisch befragt, und begannen nun erst langsam, in ihrer Erinnerung zu graben. Dies dauert erfahrungsgemäß eine gewisse Zeit, weshalb Nacherhebungen geplant sind. Es waren teilweise wunderschöne, intensive Begegnungen, die uns geschenkt wurden. 

Eine der Gewährspersonen, Frau Josefa Prelog, beeindruckte uns besonders durch ihre aufrechte und unerschütterliche Haltung. Sie wohnt in Sicheldorf, einer der Ortschaften rund um Bad Radkersburg und kennt sowohl die Ortsgeschichte, als auch die regionalen Bräuche noch sehr gut. Auch traditionelle Lieder beherrscht sie in großer Zahl. Wir verbrachten viele Stunden in ihrer Küche bei explorativen Aufnahmen, in einer sehr herzlichen Atmosphäre.

Eine Biographie dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit ist inzwischen in Arbeit. Als Sensationsfund kann ein zweisprachiges handschriftliches Liederbuch aus dem Raum Leutschach gelten, das teilweise noch im vorigen Jahrhundert geschrieben wurde und dem Forscherteam anvertraut wurde. Einige Lieder daraus wurden von den Gewährspersonen jenseits der Grenze vorgesungen. Zum dokumentatorischen Aufnahmematerial zählen die Dokumente aus Tieschen, die den Florianibrauch betreffen, wie auch zwei Abende in Buschenschanken, die ein besonders reichhaltiges - zweisprachiges - Repertoire erbrachten. Ich möchte den zu erwartenden Publikationen nicht vorgreifen - die Aufarbeitung des Materials wird viel Zeit erfordern, wie auch eine Reihe von Nacherhebungen. Ich möchte nur festhalten, daß entgegen den Voraussagen, daß "wir nichts finden würden", daß "uns die Leute hinauswerfen würden", usw. wir fast durchwegs positive Erfahrungen gemacht haben. 

Die Feldforschung kann als äußerst erfolgreich bezeichnet werden. Es wurden etwa 65 Stunden Tonaufnahmen mit Interviews, Liedern und Instrumentalmusik erstellt, und es sind an die 500 Musikaufnahmen zusammengekommen, die natürlich auch viele Wiederholungen beinhalten. Teilweise sind es deutschsprachige Lieder, teils slowenische, teils Instrumentalmusikstücke. Das Material (Tonaufnahmen, Photos, schriftliche Materialien) ist am Institut für Volksmusikforschung sowie im Steirischen Volksliedwerk archiviert.

Das im Titel verwendete Lied "Gremo na Štajersko" konnte wir besonders oft aufnehmen. Es wird in den verschiedensten Zusammenhängen gesungen, und war den meisten Gewährspersonen bekannt. Deshalb sei es hier wiedergegeben.

Gremo na Štajersko
Sängerin: Josefa Prelog
Aufnahme: Ursula Hemetek am 3.5.1999 in Sicheldorf

Gremo na Štajersko
gledat kaj delajo
geldat kaj delajo
ljubice tri.

Prva je kuharca
druga je kelnarca
tretja je ljubica
moj'ga srca.

Prva mi jesti da,
druga mi piti da,
tretja me v kamrico
svojo pelja.

Übersetzung:
Fahren wir nach "Štajerska"
schauen, was sie machen
schauen, was sie machen
die drei Geliebten.

Die erste ist Köchin,
die zweite Kellnerin,
die dritte Geliebte
meines Herzens.

Die erste gibt mir zu essen,
die zweite zu trinken
die dritte führt mich
in ihr Bett.


Das musikalische Material
läßt vermuten, daß es sich um verschiedene Ausdrucksformen einer "Regionalkultur" handelt. Dieser Terminus wurde vom Volksundler Károly Gaál (1981) für das multiethnische Burgenland geprägt. Er meint damit, daß sich eine Kultur mit den Gegebenheiten einer bestimmten Region formt und ausdrückt. Die in der Region vorgefundenen Bedingungen sind ausschlaggebend: ökonomisch, sozial aber auch kulturell. In der Entwicklung kommt es unwillkürlich zu einem Miteinander. Eine erste - vorerst allerdings oberflächliche - Beurteilung des Melodiematerials bestätigt diese These für die Grenzregion. Auch die Grenze und die verschiedenen politischen Systeme konnten nicht ausradieren, was sich aufgrund gemeinsamer ökonomischer Gegebenheiten entwickelt hatte. Der Wein wird nach wie vor diesseits und jenseits der Grenze im November getauft..... Es wäre nicht sinnvoll und außerdem naiv, die Augen davor zu verschließen, daß es Konflikte gibt und daß im Laufe der Geschichte dieser Region tiefe Wunden geschlagen wurden, die teilweise noch immer nicht verheilt sind. Aber gerade die Musik als Gebrauchsgegenstand, als wesentlicher Teil des Lebens sowohl der Gemeinschaft aber auch des Einzelnen und zwar in beiden Ethnien, könnte unter bestimmten Voraussetzungen als Katalysator für das "Gemeinsame" fungieren. Dies ist natürlich eine Frage des Standpunktes, sowohl des Forschers als auch des Sängers oder Musikanten. Ein fürsorglicher Umgang mit dem musikalischen Reichtum und der Vielfalt ist einzufordern. Jedenfalls bietet gerade die Musik die Chance, in Anerkennung der Unterschiede und in großem Respekt voreinandertrotzdem das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen.

Dr. Ursula Hemetek ist Assistentin und Lehrbeauftragte am Institut fürVolksmusikforschung der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien, Schwerpunkt in Forschung, Lehre und Öffentlichkeitsarbeit Musik von Minderheiten in Österreich; Politisches Engagement u.a. als Obfrau der Initiative Minderheiten.

Literatur:
Gaál, Károly: Monographische Erzählforschung und kleinregionale Kultur. In: Minderheiten und Regionalkultur (Hg. Olaf Bockhorn/Károly Gaál, I. Zucker), Wien 1981, p.15-35
Moser, Johannes und Elisabeth Katschnig-Fasch (Hg.): Blatten. Ein Dorf an der Grenze. (= Kuckuck, Sonderband 2), Graz 1992
Österreichisches Volksgruppenzentrum (Hg.): Steirische Slowenen. (=Österreichische Volksgruppenhandbücher Bd.9), Wien 1996
Promitzer, Christian: Verlorene Brüder. Geschichte der zweisprachigen Region Leutschach in der südlichen Steiermark (19.-20. Jahrhundert) Phil.Diss. Graz 1996
Stenner, Christian (Hg.): Slowenische Steiermark. (= Zur Kunde Südosteuropas II/23), Wien 1997