Publikationen

Signal  1999


01 Vorwort

02 Ethnomusikologische Feldforschung in der Südsteiermark

03 Handschriftliche Aufzeichnungen des Priesters M. Ljubša

04 Mit dem Fahrrad Grenzen überwinden

05 Johann Puch / Janez Puh - ein Abriss

06 Grenzüberschreitende Jugendliteratur

07 Die Gottscheer

 

Handschriftliche Aufzeichnungen des Priesters M. Ljubša

Matthias (Matija) Ljubša (1862-1934)
Die handschriftlichen Aufzeichnungen des Priesters M. Ljubša über die Pfarre Radkersburg und seine Pfarrchronik von Arnfels
Biografische Notizen zu Matija (Matthias) Ljubša

M. Ljubša wurde am 24.2.1862 im untersteirischen Vanetina, das zur Pfarre St. Anton in den Windischen Büheln gehört, geboren. Nach der Grundschule besuchte er die Gymnasien in Marburg/Maribor und in Cilli/Celje. Er inskribierte im Jahr 1884 an der Theologischen Fakultät der Universität Graz, wo er 1887 sein Studium erfolgreich abschloß. 1888 wurde Ljubša zum Priester geweiht. Bereits im August 1888 trat er die Stelle als Kaplan in der Pfarre Fohnsdorf an, die er bis zum April 1889 bekleidete. Seine zweite Kaplansstelle erhielt M. Ljubša in Arnfels. Ab Mai 1891 arbeitete M. Ljubša als 2. Seelsorger in der Grazer K.K. Männerstrafanstalt Karlau. Seinen Dienst erfüllte er dort bis zum September 1913, da seinem Gesuch um vorzeitige Pensionierung aus gesundheitlichen Gründen stattgegeben worden war. 

Neben seinem Hauptberuf als Seelsorger in der Männerstrafanstalt war der Geistliche von 1886-1904 Vizepräsident des Katholischen Gesellenvereins in Graz. In diese Zeit fiel z.B. auch die Publikation der Pfarrchronik von Arnfels im Jahre 1896. Im Jahr 1891 publizierte er das umfangreiche Werk Die Christianisierung der heutigen Diözese Seckau. Ab 1913 lebte M. Ljubša als Missar an der Probstei der Stadtpfarre Graz. In den Jahren 1915 und 1916 erschienen die Pfarrchronik von Fohnsdorf und eine Kirchenchronik der Stadtpfarrkirche von Graz. M. Ljubša zog 1918 nach Marburg/Maribor und war dort u.a.: "Verwalter der ,Wacht und Stimme des heiligsten Herzen' und er führte den katholischen Verein der Handwerksgehilfen.” (Übers. d. Verf.) 1926 übersiedelte er nach Cilli/Celje und beschäftigte sich am neuen Wohnort eingehend mit dem regionalen Märtyrer, dem Hl. Maximilian, bzw. schrieb an einer Pfarrchronik von Cilli/Celje, die allerdings unvollendet bleiben mußte. Er verstarb am 11.11.1934 in Cilli/Celje. [Weitere Publikationen von M. Ljubša siehe im Anhang]

Die kirchlichen Einflüsse auf die steirische Kulturgeschichte mögen selbst in diesem kleinen Beitrag über die Pfarren Radkersburg und Arnfels aus den handschriftlichen Aufzeichnungen bzw. der Pfarrchronik des M. Ljubša erkennbar werden. Die Kirchengeschichte ist ja nicht nur eine Parallele zur profanen Staatsgeschichtsschreibung, zur politischen Ereignisgeschichte, sondern vielmehr eine eigene kulturhistorische Größe, die sich aus der Vielschichtigkeit des klerikalen Seelsorge- und Verwaltungsapparates entwickelt hat. 

Vor allem jedoch ist die Kirche den Menschen immer sehr nahe gewesen und hat in den jeweiligen Pfarren einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Bevölkerung ausgeübt. Das kommt auch in den von M. Ljubša untersuchten zweisprachigen Pfarren Radkersburg und Arnfels zur Geltung, da sich die Kirche bisweilen mehr um die Erhaltung eines kulturellen Miteinander unter den verschiedensprachigen Volksgruppen sorgte, als es die politischen Vertreter taten. Gewiß kam es dabei auch zu Unstimmigkeiten seitens der Pfarrinsassen: Was dem einen vom jeweiligen Pfarrer oder Kaplan zu deutschnational gepredigt wurde, war in Ohren des anderen mitunter noch immer zu slowenenfreundlich und umgekehrt. 

Auf keinen Fall jedoch konnten sich die Vertreter der Kirche der Zweisprachigkeit ihrer Pfarren entziehen, denn sie hatten neben den seelsorgerischen Aufgaben auch pädagogische zu erfüllen - bis zum Reichsvolksschulgesetz im Jahr 1869 lagen die Schulangelegenheiten und Bestellungen der Lehrer sogar noch vollkommen in kirchlicher Hand. So mußte der Pfarrer, wenn er selbst gar kein oder nur kaum slowenisch sprach, bei der Diözese zumindest einen zweisprachigen Kaplan anfordern, der die seelsorgerischen und schulischen Aufgaben auch für den slowenischsprachigen Teil der Pfarrbevölkerung übernehmen konnte. Damit war der jeweilige Klerus immer unmittelbar mit den Problemen und Schwierigkeiten des Alltagslebens in der Pfarre, die die Zweisprachigkeit betrafen, betraut. Der erste der beiden nachfolgenden Kurztexte versteht sich als kulturhistorische Analyse der handschriftlichen Pfarrchronik von Arnfels des M. Ljubša, die am 7. Oktober 1896 erstmals herausgegeben worden ist. 

Der Anstoß für den kultur- und kirchenhistorisch sehr interessierten Priester, eine derart umfangreiche Pfarrchronik - sie umfaßt beinahe 300 eng beschriebene Blätter - zu verfassen, lag gewiß in der Tatsache, daß er selbst von 1889 bis 1891 in Arnfels die Stelle als Kaplan bekleidet hatte. Der nachfolgende Teil ist zugleich der stark gekürzte und überarbeitete Vorabdruck einer erstmaligen wissenschaftlichen Bearbeitung der Pfarrchronik von Arnfels: Dabei werden vor allem jene Teile der Chronik berücksichtigt, die sich vor allem mit Belangen der slowenischsprachigen Bevölkerung im zweisprachigen Kulturraum von Arnfels /Arvež beschäftigen. Der zweite Teil beleuchtet die handschriftlichen Aufzeichnungen des Priesters und Seelsorgers M. Ljubša über die Geschichte der Pfarre Radkersburg, die zu Beginn unseres Jahrhunderts, etwa um 1904, in deutscher Sprache abgefaßt worden sind und insgesamt 37 eng beschriebene Blätter umfassen. 

Dabei sind die einzelnen Themen eher fragmenthaft beschrieben und in loser Form aneinandergefügt, was dadurch auch in diesem Beitrag mitunter der Fall ist. M. Ljubša hat seine Notizen mehr als zwanzig Jahre später noch genutzt, aber die Aufsätze Ljubšas aus dem Jahr 1925 sind dann in slowenischer Sprache gedruckt worden. Die erstmalige wissenschaftliche Bearbeitung dieser Aufzeichnungen im Pannonischen Jahrbuch 1999 durch den Verfasser dieser Zeilen ist ein weiterer kleiner Mosaikstein, der das Bild der Geschichte von Radkersburg und seiner Umgebung bereichern und bunter machen soll. Der hier abgedruckte Text stellt eine gekürzte und überarbeitete Fassung des Beitrages im Pannonischen Jahrbuch dar.

Die Pfarrchronik von Arnfels
Bearbeitung und Analyse der handschriftlichen Chronik des Matija Ljubša
Die kirchlichen Pflichten und Tätigkeiten verlangten in einem zweisprachigen Gebiet auch nach einer grundsätzlichen Orientierung seitens der Kirche, welche Bevölkerungsanteile in welcher Sprache seelsorgerisch betreut werden mußten. 

Die Vielfalt an kirchlichen und schulischen Aufgaben erforderte daher eine gewisse Zweisprachigkeit des Klerus. Anhand der Pfarrchronik von Arnfels soll beispielhaft untersucht werden, wie sehr die slowenische Sprache neben der deutschen im kirchlichen Alltagsleben verankert war bzw. ob sich die Probleme, die sich durch die Zweisprachigkeit innerhalb der Pfarre zwangsläufig ergaben, in der Chronik wiederfinden. Man sollte das vor allem deshalb vermuten, weil der Chronist M. Ljubša selbst zweisprachig gewesen ist und somit der slowenischsprachigen Bevölkerung im Pfarrgebiet mit besonderer Sensibilität entgegentreten konnte. Um sich ein besseres Bild von der Zusammensetzung und den Inhalten der Pfarrchronik im allgemeinen machen zu können, sei an dieser Stelle die nach Themenschwerpunkten - im Wortlaut von M. Ljubša - vereinfachte Inhaltsangabe aufgelistet:

Einleitung
Die Beschreibung des Pfarrgebietes im Allgemeinen und Besonderen
I. Theil
Die Beschreibung der Pfarrkirche und -pfründe Arnfels
II.Theil
Die kirchlichen Verhältnisse vor der Errichtung der Pfarre. Die Errichtung der Pfarre
III. Theil
Die Geistlichkeit
IV. Theil
Andere kirchliche oder gottesdienstliche Bauten in Arnfels
V. Theil
Die Schulgeschichte
VI. Theil

Die Geschichte von in der Pfarre liegenden Burgen und Gülten
In dieser Ausgabe des Signal werden exemplarisch zwei Themenbereiche der Arnfelser Pfarrchronik besprochen, die sich vorrangig mit der Situation der slowenischsprachigen Bevölkerung innerhalb der Pfarrgemeinde auseinandersetzen: Es ist dies einerseits der Stellenwert der slowenischen Sprache bei den Gottesdiensten und andererseits die Zweisprachigkeit innerhalb des katholischen Klerus. Am Ende des 19. Jahrhunderts, als die Pfarrchronik verfaßt wurde, stellten jene Predigten bei den Arnfelser Messen, die in slowenischer Sprache gehalten wurden, bereits eine spärliche Ausnahme dar. M. Ljubša verzeichnet sie eigentlich nur noch für den Patroziniumstag der Kirche (8. September) und für den "Bittmontag”, während beispielsweise noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts an allen Frauentagen (Marienfeiertagen) slowenisch gepredigt wurde. Das Evangelium verlas man vor der Spätpredigt sogar noch bis Mitte der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts jeweils in deutscher und slowenischer Sprache. 

Im Verhältnis der Sprachen zueinander fällt unschwer auf, daß bei den Gottesdiensten in Arnfels das Slowenische langsam aber stetig aus den Meßfeiern hinausgedrängt wurde. Vergleicht man diese Entwicklung etwa mit jener in der südweststeirischen Dekanatspfarre Leutschach, dann lassen sich dort ähnliche Strukturen in der Gottesdienstordnung erkennen wie in Arnfels: Eine Predigtordnung mit deutsch- und slowenischsprachiger Predigt (Frühpredigt deutsch, Spätpredigt slowenisch) bestand in Leutschach noch bis 1889; aus dem Evangelium wurde bis dahin ebenfalls deutsch und slowenisch gelesen. Danach allerdings fand wie in Arnfels eine Reduzierung der slowenischsprachigen Predigten auf einzelne Festtagsgottesdienste statt. 

Eine derartige Zurücknahme der slowenischen Sprache innerhalb der Gottesdienste hat zwei Wurzeln: Zum einen war die Sprache der Mehrheitsbevölkerung innerhalb der Diözese Graz-Seckau deutsch und gleichzeitig galt Deutsch auch als Kanzleisprache innerhalb der Kirche und des Ordinariats; zum anderen hatte die slowenischsprachige Bevölkerung von Arnfels den bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts sehr nationalbewußten deutschsprachigen Marktbürgern nichts Adäquates entgegenzusetzen, da eine slowenische Nationalbewegung zu dieser Zeit erst im Entstehen begriffen war. Und selbst diese erreichte zumeist nur die gebildete Bürgerschicht in den Städten wie etwa in Marburg/Maribor, Cilli/Celje oder Pettau/Ptuj. 

An der Peripherie des slowenischen Sprachgebietes wie in Arnfels kamen Landbevölkerung und Dienstboten lange Zeit gar nicht oder nur kaum mit nationalslowenischem Gedankengut in Berührung. M. Ljubša gibt in seiner Pfarrchronik in kurzen Abschnitten die Chronologie der in Arnfels tätigen Priester wieder. In der Zeit vor der Arnfelser Pfarrgründung, die im Jahr 1788 erfolgte - davor war Arnfels seelsorgerisch von der Pfarre St. Johann im Saggautal betreut worden -, läßt sich an der Herkunft der Benefiziaten bzw. an deren Ausbildungsstätten eine enge Verknüpfung mit der slowenischsprachigen Untersteiermark wahrnehmen. So war beispielsweise der Geistliche Tobias Textor, der 1636-37 als Benefiziat in Arnfels eingesetzt war, vom Bischof in Laibach/Ljubljana ordiniert worden und hatte unter anderem zuvor eine Kaplanstelle in Cilli/Celje inne gehabt; oder Clemens Scorianz, der 1685 für Arnfels benefiziert wurde, durfte ab 1687 die Stelle eines Curaemagisters in Marburg/Maribor bekleiden. 

Freilich waren derartige Benefiziaten für die Seelsorge von Arnfels in weiterer Folge nicht die Regel und so bittet gegen Ende des 17. Jahrhunderts der St. Johanner Pfarrer Johann Jakob Kharbitsch um seine Entlassung aus der aktiven Seelsorge in Ermangelung eines slowenisch sprechenden Kaplans. Höchst bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang, daß der Chronist M. Ljubša die zu Kharbitsch genannten Fakten nicht auf einem paginierten, also offiziellen Blatt der Pfarrchronik niederschrieb, sondern auf einem unpaginierten Blatt, in viel schlampigerer Handschrift als ansonsten in der Chronik üblich, beilegte. (sic!) Im 18. Jahrhundert löste man das Problem eines fehlenden slowenischkundigen Kaplans für die Seelsorge der slowenischsprachigen Gebiete innerhalb der Pfarre St. Johann oft dadurch, daß man Kapläne aus Nachbarpfarren, u.a. Leutschach oder St. Veit am Vogau, für zentrale seelsorgerische Tätigkeiten, die unbedingte Sprachkenntnisse erforderten - wie etwa das Sakrament der Beichte - herangezogen wurden. 

Im Zuge der Josephinischen Pfarregulierung in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts, bei der die Pfarre St. Johann im Saggautal beinahe zwei Drittel ihrer Größe einbüßte, erfolgte am 24. Februar 1788 die Pfarrgründung von Arnfels mit einem Festgottesdienst. Die seelsorgerische Betreuung der slowenischsprachigen Bevölkerung war nun etwas einfacher, da das zu betreuende Pfarrgebiet verglichen mit der ehemaligen Pfarre St. Johann viel kleiner war. Die Schwierigkeiten, auch dafür einen slowenischsprachigen Kaplan zur Seite gestellt zu bekommen, blieben für die Pfarrer von Arnfels jedoch dieselben wie zuvor für die Pfarrer von St. Johann. Das begann sich vor allem in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts besonders schlimm auszuwirken, da der Kaplan Fabiani weder gut deutsch noch slowenisch sprechen konnte. 

Eine Besserung der Situation zeichnete sich erst im Jahr 1840 ab, als der Pfarrer Ignaz Wellebil durch seine Kränklichkeit im Alter eine zweite Kaplansstelle für Arnfels von der Diözese bewilligt bekam. An diesen Beispielen aus der Pfarrgeschichte sieht man, daß die Hauptaufgabe der Betreuung der slowenischsprachigen Bevölkerung, sowohl in seelsorgerischen als auch in schulischen Belangen vor allem den Kaplänen zufiel. Gerade bei der Besetzung der Kapläne für Arnfels spielte die Beherrschung der slowenischen Sprache eine große Rolle, weil die Arbeit in alltagskulturellen Bereichen nicht nur eine gegenseitige Verständigung innerhalb der gesamten Pfarrbevölkerung, sondern auch das gegenseitige Verständnis eine immense Wichtigkeit besaß. 

An dieser Stelle soll das Bestreben der Diözese Graz-Seckau nach einer seelsorgerischen Verständigung in zweisprachigen Pfarren dokumentiert werden: Aus statistischer Sicht heißt das etwa, daß von den 38 nach Arnfels berufenen Kaplänen - von der Pfarrgründung 1788 bis zur Abfassung der Chronik - allein 27 in der ehemaligen Untersteiermark geboren wurden; diese werden in der nachstehenden Tabelle namentlich aufgelistet (zeitliche Überschneidungen sind möglich, weil in einzelnen Jahren für die Pfarre zwei Kapläne bewilligt worden sind).

Name des Kaplans Kaplanszeit in Arnfels Geburtsort (dt. Schreibung lt. Chronik)
Prunader, P. Placidus 1788-94 Pettau
Kirchberger, Daniel Bonaventura 1790 Pettau
Dreysiebner, Franz 1827-28 Marburg
Peitler, Anton 1838-41 Hl. Geist an Osterberg
Repnik, Anton 1840-42 Frauenhain bei Schleinitz
Dolinar, Matthias 1842-44 Pettau
Potertsch, Lorenz 1844-48 St. Andrä in Windischen Büheln
Derveinschegg, Georg 1844-46 Hl. Dreifaltigkeit in W.B.
Pernaußl, Stefan 1846-57 St. Lorenzen in der Wüste
Meško, Jakob 1848-53 St. Johann bei Großsonntag
Makotter, Jakob 1851-55 Luttenberg
Šrol, Franz 1853-54 St. Lorenzen in der Wüste
Kurnik, Johann 1854-58 St. Leonhard in W.B.
Simonič, Johann 1855-57 Allerheiligen bei Michalofzen(?)
Jančar, Franz 1858-59 St. Peter bei Radkersburg
Körbler, Matthias 1859-62 Remschnigg
Schallamun, Johann 1862-66 St. Urban bei Pettau
Flucher, Georg 1866-69 St. Egyden in W.B.
Dečko, Alois 1866-67 Polstrau
Schunko, Josef 1867-72 Gams bei Marburg
Terstenjak, Franz 1872-76 St. Georgen an der Stainz
Kitak, Franz 1876-77 Rositsch
Čepin, Anton 1877 Prilaustain
Hetzl, Franz 1877 Altenmarkt bei Windisch Graz
Sver, Alois 1877-81 St. Maria bei Marburg
Kolenko, Josef 1881-85 St. Margarethen bei Pettau
Ljubša, Mathias 1889-91 St. Anton in Windischen Büheln



Zuletzt möchte ich die geneigten Leser um Verständnis bitten, daß in diesem kurzen Text noch nicht im Detail auf die einzelnen Biographien der angeführten Kapläne eingegangen werden kann. Die von M. Ljubša in der Pfarrchronik angeführten "Tatsachen” müssen noch in bestimmten Punkten mit den Archivalien des Grazer Diözesanarchives einem wissenschaftlichen Vergleich unterzogen werden. Aus diesem Grund verweise ich auf die zu erwartende Publikation des wissenschaftlichen Aufsatzes über M. Ljubšas Pfarrchronik von Arnfels, die im Winter 1999/2000 zu erwarten sein wird.


Radkersburg
Die handschriftlichen Aufzeichnungen des Matija Ljubša über die Geschichte der Pfarre
M. Ljubša beginnt seine fragmentartigen, handschriftlichen Aufzeichnungen auf einem noch unpaginierten Blatt mit der Beschreibung der Architektur und Ausschmückung der Radkersburger Pfarrkirche St. Johannes d. T. mit dem wohlwollend klingenden Satz: "Die Stadtpfarrkirche, gotische Basilika, welche in den einzelnen Partien eine sorgfältige künstlerische Behandlung aufweise.” 

Ein wenig verstimmt ist der Chronist nur über die für eine Basilika geringe Raumhöhe und weil die Fenster an den Hochwänden des Mittelschiffs vermauert und die Kreuzrippen entfernt worden waren, was bei der sogenannten Restaurierung von 1830 geschehen war. Äußerst positiv hingegen beschreibt M. Ljubša den Eindruck, den die Kirche - bis auf die damals noch vorhandenen Schadstellen - von außen auf den Betrachter machte, da sie durch ihre Höhe und die kräftig gegliederten Strebepfeiler einen imposanten Anblick gewährte. Die Kirche Radkersburg, deren pfarrliche Ausdehnung sich von Mureck bis zur ungarischen Grenze erstreckte, gehöre zu den ältesten der gesamten Steiermark, vermerkt M. Ljubša am Beginn jenes Teils seiner handschriftlichen Notizen, der bereits mit Seitenzahlen versehen ist. 

Die Pfarre grenzte an Karantanien und war von der Mur gegen allzuleichte Einfälle der Magyaren geschützt; als besonderen Beweis für diesen gesicherten Siedlungsraum erkennt der Chronist die Anwesenheit einer "kompakten slowenischen Bevölkerung” im unmittelbaren Radkersburger Pfarrgebiet, das schon im 9. Jahrhundert teils vom pannonischen Archidiakonat und teils durch den Erzbischof Methodius christianisiert wurde und sogleich im Besitz der Salzburger Erzbischöfe war. M. Ljubša scheut sich nicht, sich auf das heikle Gebiet der Namenskunde zu begeben, das gerade in bezug auf die Herkunft des Namens Radkersburg einige Fußangeln bereit hielt und immer noch bereit hält: Zuerst erwähnt er das Rad im Stadtwappen, um dann zur Deutung aus dem slowenischen Wort für Krebs - rak weiterzuschweifen, wobei er unterstreicht, daß aus diesen beiden Ansätzen keine befriedigende Antwort abzuleiten sei. Ebenso lasse das verdorbene rakona aus dem slowenischen Ursprungswort rakev in Verbindung mit in der Nähe liegenden Gräberfunden keine ordentliche ethymologische Namensdeutung zu. 

Selbst die Interpretation, daß dem Wort Radkersburg ursprünglich ein Eigenname zugrunde lag, da die Stadt in urkundlichen Erwähnungen als Rategojspurch (1211), Ratigoyspurch (1213) oder Radkoyspurck aufscheint, ist M. Ljubša nicht stichhaltig genug. Vorerst fügt er der Namensdiskussion ergänzend hinzu, daß gerade die Wurzelsilbe rad mehreren Ortschaften, die in unmittelbarer Nähe von Radkersburg liegen, inne wohnt: "Rad-ochen, Rad-ein; slow.:Rad-enci; Windisch- und Deutsch Rad-ersdorf”. M. Ljubša geht aber in seinen Interpretationsversuchen noch einen Schritt weiter und versucht einen Zusammenhang mit dem bedeutend älteren Namen Ruginesfeld herzustellen, der sich bereits in den Jahren 890, 891, 977, 1051 und 1057 in schriftlichen Urkunden wiederfindet. 

Gewiß stellen sich auch mit dieser gedanklichen Verbindung sofort Fragen ein: Zuerst fällt M. Ljubša selbst die zeitliche Lücke von 128 Jahren auf, die zwischen der letzten Erwähnung von Ruginesfeld im Jahre 1057 bis zur ersten Erwähnung von Radecksburg im Jahre 1185 klafft. Weiters verwirrt vorerst auch die Endung -feld, die der Chronist freilich mit einem Gebiet der Murebene östlich des Gnasbaches zu verbinden weiß. Das Ruginesfeld wäre somit am linken Murufer gelegen, wobei dann das rechte von der Ruginesburg gegen die Einfälle der Magyaren abgesichert gewesen wäre; so die Annahme. Der gegenwärtige Stadtchronist von Radkersburg H. Kurahs versucht den Knoten, der sich um den Namen der Stadt gewickelt hat, entzwei zu schlagen, indem er sowohl der Ableitung vom Eigennamen Ratigoy oder Ratigoj (Pirchegger) als auch der von Ruginesfeld (Ljubša) "große Argumentationsschwächen” bescheinigt. Er spricht sich massiv für die Deutung H. Purkarthofers aus, der als Grundlage von Radkersburg den germanischen Rufnamen Radger (= Hilfe-Speer) vermutet. 

Allerdings ist auch dieser Interpretation zweierlei entgegenzuhalten: Erstens hat es eine diesbezügliche urkundliche Erwähnung erst im 12. Jahrhundert gegeben und somit hätte sich der germanische Eigenname radger seit Beginn der germanischen Besiedelung bis zu jenem Zeitpunkt erhalten müssen, indem die erwähnte erste Verschriftung passiert ist - ohne zuvor woanders aufzufallen, aber dennoch so bedeutend, daß nach ihm eine ganze Pfarre benannt worden sei. Zweitens scheint die Wortwurzel rad noch in weiteren Ortsnamen der Umgebung - wie bereits oben angeführt - auf, ohne freilich den Namen oder die Wurzel radger zu wiederholen. Es scheint daher eher wahrscheinlich, daß alle diese Ortsnamen auf die Wurzel rad zurückgehen und nicht auf die Wurzel radger. Somit bleibt bis zur endgültigen Festlegung der Herkunft des Namens von Radkersburg noch genug Arbeit für künftige Historikergenerationen, da auch die Neuinterpretation von H. Purkarthofer keinerlei faktische Absicherungen gegen die angeführten Ungereimtheiten enthält.

Um eine Übersicht über die Ausdehnung des Radkersburger Pfarrgebietes im 15. Jahrhundert geben zu können, zitiert M. Ljubša aus einem Verzeichnis der Salzburger Pfarren unter Erzbischof Eberhard (1468-87): Ecclesia s. Benedicti in Collibus. Collator Plebanus in Rakespurg. Ecclesia in Lutzenberg (Luttenberg). Collator Plebanus in Rakespurg. (Ecclesia in Suntag = scheint übrigens Großsonntag zu sein!) Ecclesia ad Sanctam Crucem in Lutenwerd. Collator Plebanus in Rakespurch. [Die Schreibvarianten ,Rakespurg' bzw. ,Rakespurch' im Orig., Anm. d. Verf.] Ecclesia Sancti Georgij prope Rakespurg. Collator Plebanus in Rakespurch. Ecclesia in Abstal. Collator Plebanus in Rakespurch. Als Beneficium in diesem Bezirke wird nur ein einziges aufgeführt: "Capella in Luczenberg. De presentatione domini militis Seveinperkh. Ecclesia s. Benedicti in Collibus. Collator Plebanus in Rakespurg.” 

Dieses Verzeichnis belegt die Zugehörigkeit der fünf angeführten Pfarren zu Radkersburg infolge der Collationsrechte des Radkersburger Pfarrers. Auch H. Kurahs erwähnt diese historische Gegebenheit in seiner Stadtchronik, nur mit dem Vermerk, daß es zwischen dem Salzburger Zehentbereich, der zur Rupertikirche gehörte, und der eigentlichen landesfürstlichen Kirche St. Johannes d. T. eine Aufspaltung gegeben hätte. Scheinbar versucht die gegenwärtige Radkersburger Lokalgeschichtsschreibung eine strenge Trennlinie zwischen dem deutschen und slawischen Siedlungsgebiet zu ziehen, obwohl eine solche im 15. Jahrhundert nicht existiert hat. 

Die an den obengenannten Ortsnamen erkennbare ausgedehnte Zweisprachigkeit innerhalb der Pfarre war selbst für die Bischöfe kein Grund, um die Pfarre nach sprachlich orientierten Gesichtspunkten aufzuteilen. Das Radkersburger Pfarrgebiet des 15. Jahrhunderts läßt sich nicht nur durch die Aufzeichnungen der Salzburger Erzdiözese, sondern auch durch die sogenannten "Wiener Neustädter Fragemente” aus dem Jahr 1445 zusätzlich ein- und abgrenzen. Diese Verzeichnisse dienten damals der Erfassung von Pfarrgebieten und den dazugehörenden Ortschaften, freilich nach frühneuzeitlichen Gesichtspunkten und Möglichkeiten. 

Die Auswertung dieser Quellen durch M. Ljubša ergab für das damalige Pfarrgebiet von Radkersburg folgende Abgrenzungen: "Die Grenze war also im Westen von der Mur gleich unter Leitersdorf nach Süden bis zum Plippitzbach, dann der genannte Bach bis zu seinem Ursprunge, von dort die Südwestlinie zum Stainzbach, welcher dann längere Zeit die Grenze bildete bis weit unter Sulzdorf, worauf sich die Grenze nach Norden wendet und östlich bei Kapellen vorbeigehend über den Murberg unter Siebenaichen die Mur berührte. Die östliche Grenze bildete dann die Mur, die Kučenica, im Norden das einstige alte Murbett […] hinter Dornau zur Mur und diese abwärts bis zum obigen Ausgang.”

In seiner Abschrift der Pfarrzählung von 1780 listet M. Ljubša insgesamt 49 Ortschaften auf, davon wurden 13 von der Stadtpfarrkirche, 24 von der Vikariatskirche St. Peter und 12 von Kapellen aus seelsorgerisch betreut, wobei in Kapellen wegen der großen Entfernung zur Stadtpfarre Radkersburg im Jahr 1760 eine Lokalexpositur mit einem eigenen Kaplan errichtet wurde. Zu den Zahlen für die Häuser traten in der folgenden Liste auch bereits die Zahlen für die Einwohner hinzu: (Schreibung der Ortsnamen wie im Original Ljubša)

1 Radkersburg 260 Häuser 1561 Einwohner
2-3 Altdörfl, Neudörfl 72 365
4-5 Pfarrsdorf, Dornau 32 185
6 Hummersdorf 17 101
7 Pridahof 17 78
8 Göritz 29 182
9 Dedenitz 24 149
10 Zelthing (Zelting, Anm.d.Verf.) 22 136
11 Lichlatorf (Sicheldorf, Snm.d.Verf.) 31 181
12 Läfeld (Laafeld, Anm.d.Verf.) 43 231
13 Unter Grieß 40 187
14 St. Peter und Obergrieß, Hier befindet sich ein Vicariat, davon werden auch die nachfolgenden Ortschaften versehen 64 256
15 Glaßbach 35 137
16 Raderstorf 24 130
17-18 Philips- oder Steinberg, Radersdorfberg 43 204
19 Haßlberg 18 41
20 Stainzer Thal 59 340
21 Radvenze 33 179
22 Lastomerzen 23 119
23 Weigelsperg 55 255
24 Eyberdorferberg und Roßmansgrund 70 346
25 Pfefferdorfberg 52 252
26 Pettauerstraße 24 110
27 Kerschbach Dorf und Berg 67 363
28 Nahrnbichl 8 40
29 Hörzogberg 35 160
30 Pöllitschberg 88 393
31 Haßenberg 29 108
32 Sagaiberg 22 96
33 Presserberg 31 146
34 Nußdorf 13 69
35 Kellerdorf 23 132
36 Schrottendorf 22 109
37 Krottendorf (eingepfarrt St.Peter, Anmd.Verf.) 7 31
38 Kapellengraben und Hlabenzengraben Hier ist die Kirche St. Magdalena mit einer Localen Kaplaney, davon werden versehen 56 257
39 Radein 22 117
40 Radein und Schernauberg 32 150
41 Richterofzen 12 73
42 Siebenaichendorf und Berg 23 111
43 Ober Katzianberg 14 54
44 Woritschandorf 19 114
45 Klein-Janischberg und Schernaugraben 24 98
46 Groß-Janischberg 67 277
47 Unter Katzianberg 12 57
48 Sulz 29 155
49 Krottendorf 12 55
Zusammen 1789 8932 (richtig: 8981, Anm. Ljubša)

Wegen ihrer großen Ausdehnung waren während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beispielsweise in der Pfarre Radkersburg neben dem Pfarrer noch fünf Kapläne angestellt. In der Regierungszeit Josephs II. (1780-90) kam es zum Bestreben, derart große Pfarrgebiete aufzuteilen und entsprechend zu verkleinern. Der Anstoß kam von der staatlichen Behörde und es wurden gemischte - mit regionalen und überregionalen politischen und kirchlichen Vertretern besetzte - Pfarr-Errichtungs-Kommissionen eingesetzt, die Lösungen über Pfarregulierungen, d.h. Verkleinerungen der Pfarren für die jeweilige Diözese auszuarbeiten hatten. Im Falle der Pfarre Radkersburg kam es zu folgenden Vorschlägen: Die beiden selbstständigen Localien St. Magdalena in Kapellen und St. Peter hätten eigene Pfarren werden sollen. 

Innerhalb der neuen Pfarre St. Peter hätten dann darüberhinaus zwei neue Localien, nämlich Schloss Steinhof und Eibersberg gegründet werden sollen. Die Verwirklichung dieser Localiengründungen ist jedoch später am finanziell Machbaren gescheitert und daher unterblieben.

Der unmittelbare Radkersburger Pfarrbezirk, der bis dahin von der Stadtgeistlichkeit betreut worden war, erfuhr von der Pfarr-Errichtungs-Kommission ebenfalls einige Korrekturvorschläge, von denen freilich kaum welche tatsächlich durchgeführt wurden. Für die slowenischsprachigen Bewohner in den fünf Dörfern Windisch-Goritz, Dedenitz, Zelting, Sicheldorf und Laafeld hätte beispielsweise eine eigene Lokalie gegründet werden sollen. Weil in den genannten Ortschaften keine Kirche vorhanden war, hätte die Frauenkirche in der Stadt Radkersburg, die auch sonst zur Abhaltung der slowenischsprachigen Gottesdienste herangezogen wurde, zur Lokalienkirche erhoben werden sollen. Auf diese Weise wären der Stadtpfarre St. Johannes d.T. neben dem eigentlichen Stadtgebiet nur noch die Landgemeinden Alt-, Neudörfl und Hummersdorf verblieben (Pridahof, Dornau und Pfarrsdorf werden von Ljubša nicht angeführt, Anm.d.Verf.). 

Die Stellungnahme aus dem Jahr 1782 des damaligen Radkersburger Dechanten Franz Fauster enthielt außer einem Passus gegen die Errichtung einer eigenen Pfarre St. Peter nur positive Argumente bezüglich der von der Kommission vorgelegten Anträge. Er widersprach somit nicht einmal einer eigenen slowenischsprachigen Lokaliengründung innerhalb der Pfarre. Dennoch blieb mit Ausnahme der Errichtung der Pfarre Kapellen und der Auspfarrung des Dorfes Windisch-Radersdorf nach Negau einstweilen alles beim Alten. Die Gründe dafür lagen einerseits in der verwirrenden Bürokratie seitens der Kommissionen und deren übergeordneten staatlich-kirchlichen Stellen, andrerseits in der abwartenden Haltung des Radkersburger Dekanats, das zwar geduldig mitspielte, aber im Grunde keine tatsächliche Reformwilligkeit besaß. 

Trotz dieser Widrigkeiten hatten die Ergebnisse der Pfarrerrichtungskomission, die im Jahr 1782 vorgelegen hatten, auch in der Pfarre Radkersburg mittel- bis längerfristige Veränderungen zur Folge: Durch den Einwand des Radkersburger Dechanten gegen die Neuerrichtung der Pfarre St.Peter etwa mußte diese Causa immer wieder neu erörtert werden, ehe die Verhandlungen letztlich doch zur Abspaltung von St. Peter im Jahre 1809 führte. Der Pfarrhof von St. Peter lag aber eigentümlicherweise auf dem Gebiet der Pfarre Radkersburg. Bei der Diözesanregulierung von 1856 wurde die Pfarre St. Peter dann der Diözese Lavant zugesprochen und es entstand die noch paradoxere Situation, daß nun der Pfarrhof von St. Peter sogar in einer fremden Diözese zu liegen kam, da die Pfarren Radkersburg, Abstall und Mureck bei der Diözese Graz-Seckau verblieben. Im Jahr 1860 löste man diesen Fall, indem man - nach einem halben Jahrhundert - den Pfarrhof ins Pfarrgebiet der Pfarre St. Peter eingliederte. Umgekehrt freilich blieb der Radkersburger Friedhof bis zur Neuerrichtungsbewilligung im Jahr 1904 im Gebiet der Pfarre St. Peter.

Im April des Jahres 1783 gab der sogenannte Grazer Kreis bezüglich des Ansuchens um eine eigene slowenischsprachige Pfarre mit Sitz in der Kirche Mariahilf (Frauenkirche) ein Nachtragsprotokoll heraus, in dem es laut M. Ljubša, der dieses Protokoll exzerpierte, hieß: Ist von dieser Commission gut befunden worden, daß in der Stadt Radkersburg selbst noch eine neue Pfarre errichtet werde und zwar aus nachstehenden Ursachen: 

a) Weil das Pfarrvolk allda in der Sprache geteilt ist, folglich auch einen doppelten Gottesdienst, gleichwie bishero geschehen ist, erfordert. 
b) Weil diejenigen Seelen, welche nur der windischen Sprache kundig sind, eine hinlängliche Anzahl ausmachen, so einen eigenen Seelsorger erfordern. 
c) Weil in der Stadt nebst der Stadtpfarrkirche noch eine andere wohlgebaute Kirche, nämlich die Frauenkirche, nebst einem bequemlichen Pfarrhause vorfindig sind. 

Neben einer statistischen Aufzählung der fünf "Dorfschaften: Läfeld, Sichldorf, Zelting, Gorizen und Dedeniz” findet sich in diesem Nachtragsprotokoll beispielsweise noch eine Anmerkung des Dechanten Fauster, die unterstreicht, daß besonders an Sonn- und gebotenen Feiertagen viele slowenischsprachige Bewohner der nahen Weinberge südlich der Mur in die Stadt zum Gottesdienst kämen; auch der Pfarrer der Gemeinde Klöch - in dieser Causa Bischöflicher Commissär - war ähnlicher Meinung und hebt seinerseits positiv hervor, daß eines der zur Mariahilfkirche gehörenden zwei Häuser bereits vom Benefiziaten bewohnt wäre. Weiters zählte gerade die slowenischsprachige Bevölkerung zu den besonders eifrigen Katholiken in diesem Raum, wobei gerade aus den fünf Dörfern außergewöhnlich viele Geistliche hervorgegangen sind. Trotz all dieser Anstrengungen kam es zu keiner Gründung einer slowenischsprachigen Pfarre Mariahilf im 18. oder 19. Jahrhundert. 

Es schien eher das Gegenteil einzutreten: Im Jahr 1826 wurde beispielsweise versucht, den slowenischsprachigen Gottesdienst in der Frauenkirche gänzlich abzuschaffen. Die betroffenen Gemeinden reagierten daraufhin mit einer Beschwerde an das Bischöfliche Ordinariat in Graz mit der Bitte, den slowenischsprachigen Gottesdienst wieder einzurichten. Bereits über fünfzig Jahre nach den Erhebungen der josephinischen Pfarr-Errichtungs-Kommissionen, im Mai des Jahres 1839, wurde von den Richtern und den Gemeindedeputierten der obengenannten fünf Dörfer erneut die Errichtung einer slowenischsprachigen Pfarre in der Frauenkirche in Radkersburg gefordert. 

Auch diesmal blieb die Bitte ohne Erfolg. In den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts kam es zur nächsten Eingabe, die vom zuständigen Dechanten mit der Begründung abgelehnt wurde, daß es etwas sonderbar wäre, wenn eine Pfarre ihre Pfarrkirche in einer fremden Pfarre besitzen würde; zudem wäre das Einkommen der Kapläne an der Stadtpfarre in Mitleidenschaft gezogen worden, da jenen nur die slowenischsprachigen Gemeinden eine Kollekte reichten. Die Kapläne mußten jedoch fähig sein, den Bewohnern der umliegenden Landgemeinden die Beichte in slowenischer Sprache abzunehmen; und es waren vor allem auch die Kapläne, die den slowenischsprachigen Gottesdienst in der Frauenkirche zu halten pflegten. 

Zwischenzeitlich von 1848 bis zur Ordinariatsverordnung von 1859 wurde der slowenischsprachige Gottesdienst in der Radkersburger Stadtpfarrkirche abgehalten und wurde erst danach wieder in die Frauenkirche rückverlegt. Weil sie Verschlechterungen durch die neue Diözesanordnung von 1858 befürchteten, waren die Gemeindevorsteher der slowenischsprachigen Gemeinden noch im selben Jahr so weit, eine Petition an den Lavanter Bischof Anton Martin Slomšek zu richten, in der sie ihn um Aufnahme in die Diözese Lavant baten.
Am Ende seiner handschriftlichen Notizen über die Pfarre Radkersburg gibt M. Ljubša eine statistische Aufstellung über die Größenordnung der Pfarre um 1900 wieder, wobei sich der Chronist auf die zur Jahrhundertwende erfolgte Volkszählung stützt:

Stadt Radkersburg 2492 Seelen
(Stadt: 2201, Unter Grieß: 291)
Die Landgemeinden
Alt- und Neudörfl 887
Dedenitz (Dedonci) 288
Dornau 120
Wind.-Goritz (Slovenska Gorca) 219
Hummersdorf 105
Laafeld (Potrna) 374
Pfarrsdorf 113
Pridahof 148
Sicheldorf (Žetinci) 232
Zelting (Zenkovci) 167
Zusammen 5145

Damals war der Pfarrer von Radkersburg zugleich Dechant für die Pfarren Abstall, Klöch, Halbenrein und St. Anna am Aigen und Kreisdechant für die Dekanate Straden, Riegersburg und St. Veit am Vogau. In der pfarrlichen Seelsorge wurde er von zwei Kaplänen unterstützt. [Der vollständige Aufsatz ist in der Ausgabe 1999 des Pannonischen Jahrbuches (siehe Anm. 9) nachzulesen.]




Mag. Dr. Klaus-Jürgen Hermanik ist Volkskundler und Germanist, ist im Rahmen der Kulturwissenschaft tätig und arbeitet u.a. als Archivar des Artikel-VII-Kulturvereins für Steiermark.

Anmerkungen:
1Vgl. Slovenski Biografksi Leksikon. 1. Abraham-Lužar. Ljubljana: Zadružna Gospodarska Banka 1925-32. S.678.:
2 Vgl. Enciklopedija Slovenije. 6. Krek-Marij.: Ljubljana: Mladinska Knjiga 1992. S.267.:
3 "[Ľ] upravitelj Straže in Glasnika najsv. Src in ter vodil kat. dr. rokod. Pomočnikov”. Biografski Leksikon, S.678.:
4 Nekrologi. [ Matija Ljubša ] In: Časopis za zgodovino in narodopisje 29. Hrsg. v. F. Kovaćić. (Maribor) 1934, S.168f.:
5 Weitere Publikationen von M. Ljubša (Auswahl)::
Thomas de Cilia. (1897) Das alte Zunftleben nach steierischen Urkunden. (1898):
Razvoj lavantinskih župnij na levem bregu Drave od Jožefa II. do danes. (1925) (Die Entwicklung der lavant. Pfarren am linken Ufer der Drau von Josef II. bis heute.):
Zemljepisni rasvoj župnij v pražupnijah Ptuj, Velika Nedelja in Radgona. (1925). (,Landeskundliche Entwicklung' der Pfarren und Ursprungspfarren von Pettau, Großsonntag und Radkersburg.):
Postanek srednjeveškega Celja. (1929) (Aufenthalt im mittelalterlichen Cilli.):
6 Siehe vorige Anmerkung: Weitere Publikationen …:
7 Der nachfolgende Text ist die gekürzte und überarbeitete Fassung eines Artikels mit dem Titel: Klaus-Jürgen Hermanik: Radkersburg - Die handschriftlichen Aufzeichnungen des Matthias Ljubša über die Geschichte der Pfarre. In: Pannonisches Jahrbuch 1999. Wien: Literas 1999, S.217-244.:
8 Matija Ljubša: Topographisch-historische Beschreibung der Pfarre: Hl. Maria am grünen Waasen. (PAM) Matija Ljubša, rokopisi in osebne documente. [In der Folge zitiert als MLA.] 9 Vgl. ebda, S.68.:
10 Vgl Christian Promitzer: Verlorene Brüder. Geschichte der zweisprachigen Region Leutschach in der südlichen Steiermark (19.-20.Jahrhundert). Graz: Phil.Diss. 1996. [masch.], S.127ff.:
11 Vgl. ebda, S.131.:
12 Vgl. ebda, S.137.:
13 Vgl. ebda, S.126ff.:
14 Vgl. ebda, S.127f.:
15 Vgl. MLA, unpaginiert.:
16 Vgl. ebda, S.141.:
17 Matija Ljubša: Kronika Gradivo (Radgona). Pokrijnski archiv, Maribor (PAM). Škatla 1. [In der Folge zitiert als MLKG.]:
18 Auch der Kunsthistoriker P. Krenn vermerkt zu der im Jahre 1830 unglücklichen Restaurierung kurz und lapidar, daß der Basilikacharakter durch die Vermauerung der Obergaden getilgt worden sei. Vgl. Peter Krenn: Die Oststeiermark. Salzburg: St. Peter (1987), S. 86.:
19 Obwohl die Pfarre Radkersburg zu den ältesten Pfarren in der Steiermark gehört, die von der Salzburger Erzdiözese aus (Erzbischof Gebhard 1060-1088) gegründet worden sind, erfolgte eine urkundliche Nennung erst im Jahre 1185: Dort scheint ein Radkersburger Pfarrer mit dem Namen Marcowardus als Zeuge in einer Geiracher Urkunde auf - "Marcowardus … de Radecksburg”.:
20 Vgl. MLKG, S. 1.:
21 Ebda, S.1.:
22 Vgl. ebda, S.1.:
23 Dt.: Sarg, Übers. d. Verf.:
24 Vor allem der Historiker H. Pirchegger hat die Theorie vertreten, daß die angeführten Schreibvarianten vom slowenischen Eigennamen Ratigoj abgeleitet seien.:
25 MLKG, S.2.:
26 Vgl. ebda, S.2. Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle angemerkt, daß sich diese urkundlichen Nennungen sämtlich als Abschriften einer Urkunde von Mattighofen herausgestellt haben, die mit 20.11.890 datiert ist; daß diese ursprüngliche Urkunde obendrein eine Fälschung im Sinne ihrer politischen Relevanz war, ist für die Namensforschung jedoch nicht evident.:
27 Vgl. ebda, S.3.:
28 Hermann Kurahs: Grundzüge der Geschichte Bad Radkersburgs. In: Kurahs u.a., Bad Radkersburg. (Radkersburg: Theiss 1997), S.68.:
29 Vgl. ebda, S. 68. Vgl. dazu Heinrich Purkarthofer: Radkersburg. Alte Rechtstitel, Kirche und Burg, Markt und Stadt, Siegel und Wappen. In: Festschrift 700 Jahre Radkersburg 1299-1999. Weiz: Klampfer 1999, S.39.:
30 Ebda, S.6f.:
31 Ebda, S.7. "Iz tega seznama vidimo, da je obsegala pražupnija Radgona ne samo celo Štajerske Mursko polje, ampek še veliki del Slov. Gic. Natančneijši obseg pa spoznamo iz kravejih seznamov iz leta 1445.” Matija Ljubša: Zemljepisi razvoj v pražupnijah Ptuj, Velika Nedelja in Radgona. In: Časopis za zgodovino in narodopisje 20. Hrsg. v. Fran Kovačič, Maribor 1925, S.7.:
32 Vgl. Kurahs, Grundzüge, S.73.:
33 MLKG, S.15.:
34 Vgl. ebda, S.16 u. 17.:
35 Vgl. dazu Kirchengeschichte der Steiermark. Hrsg. v. Karl Amon u. Maximilian Liebmann. (Graz, Wien, Köln: Styria 1997), 224f.:
36 Vgl. MLKG, S.24.:
37 Vgl. dazu Andrea Haberl-Zemljič: Die fünf Dörfer auf der ungarischen Seite - Historische, gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Bedingungen des Sprachwechsels in der Gemeinde Radkersburg-Umgebung 1848-1997. (Graz) Phil.Diss. 1997, S. 34f. Nach Haberl-Zemljič bildeten die oben genannten fünf Dörfer bis zur Grundentlastung im Jahr 1848 nicht nur eine kulturelle sondern auch eine sozio-ökonomische Einheit, da sie einer einzigen Grundherrschaft untertänig gewesen waren und auch zusammen verkauft worden waren. Vgl. ebda, S.19.:
38 Vgl. MLKG, S. 26.:
39 Vgl. ebda, S. 27f.:
40 Ebda, S.28f.:
41 Vgl. ebda, S.29.:
42 Vgl. Haberl-Zemljič, fünf Dörfer, S.34f.:
43 Vgl. ebda, S.35.:
44 Vgl. MLKG, S.29.:
45 Vgl. ebda, S.29.:
46 Vgl. Haberl-Zemljič, fünf Dörfer, S.36.:
47 Vgl. MLKG, S.29.:
48 Vgl. Haberl-Zemljič, fünf Dörfer, S.38f.:
49 MLKG, S.30. In der Handschrift wird von Ljubša ergänzt, daß die Gesamtzahl der Bewohner mit der im Personalstandsverzeichnis um 200 Seelen differiere.:
50 Vgl. ebda, S.30.: