Publikationen

Signal  1999


01 Vorwort

02 Ethnomusikologische Feldforschung in der Südsteiermark

03 Handschriftliche Aufzeichnungen des Priesters M. Ljubša

04 Mit dem Fahrrad Grenzen überwinden

05 Johann Puch / Janez Puh - ein Abriss

06 Grenzüberschreitende Jugendliteratur

07 Die Gottscheer

 

Mit dem Fahrrad Grenzen überwinden

Mit dem Fahrrad Grenzen überwinden – gestern und heute

"The Bicycle crossing frontiers – Mit dem Fahrrad Grenzen überwinden" war das Motto der Internationalen Velo-City Conference, die im April 1999 in Graz und Maribor abgehalten wurde. Anlässlich dieser großen Planungskonferenz wurde in Graz auch eine Geschichtswerkstatt abgehalten. Von Interessierten wurden Mosaiksteine zu einer regionalen Kulturgeschichte des Radfahrens zusammengetragen. Dabei fanden sich auch Dokumente, die über Berührungspunkte der Schwesternstädte Graz und Maribor Auskunft geben. 

Der Marburger Bicycle Club wurde 1883, ein halbes Jahr nach dem Grazer Bicycle Club und mit dessen Hilfe aus der Taufe gehoben. Laut Tourenbuch von Steiermark für Radfahrer (Graz, 1889) wurde der Marburger Bicycle-Club am 25. Mai 1883 gegründet. Er umfaßte 35 Mitglieder (27 ordentliche, acht unterstützende) und hatte sein Vereinslokal im Hotel "Stadt Wien". Als Obmann fungierte Josef Bancalari. Max Kleinoscheg, Schriftwart des Grazer Bicycle Club und bekannter Ski- und Radpionier, berichtet: "Die Fahrt nach Marburg hatte ein ernsteres Ziel: die Gründung einer zweiten Pflegestätte unseres schönen Sports zu veranlassen, Pathe zu stehen dem Bruderverein: Marburger Bicycle-Club. Zwanzig Mitglieder des G.B.-C. fuhren am Sophienplatze in Marburg unter Theilnahme einer grossen Zuseherschaar einige Gesammt-Schulübungen; Waltnigg trat als Solokunstfahrer auf." 

Ende des 19. Jahrhunderts nahm ein gewisser Franz Neger die Fabrikation von Fahrrädern auf, und zwar bei der Franziskaner-Kirche, wo er auch über ein Testgelände verfügte. 1891 wurde eine Rennbahn des "Verbandes der Marburger Radfahr-Vereine für Wettkampfsport" zwischen Franz Josef- und Werkstättengasse errichtet. 1897 wurde der Arbeiter-Radfahrerverband als Ortsgruppe des Steiermärkischen Arbeiter-Radfahrbundes ins Leben gerufen. Ein Jahr später unternahmen wackere Radler von Maribor aus eine Tour nach Salzburg, München und Wien (1600 km in sechs Tagen). 1900 entstanden der Sportverein Maribor mit einer Radler-Sektion und der Radfahrverein "Edelweiß", die zueinander in Konkurrenz standen. 

Die Vereine waren nach ethnisch-nationalen Gesichtspunkten organisiert, obwohl auch bei den Vereinen der Deutschsprachigen Slowenen mitmachten. In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts hat sich auch unter den Radvereinen die nationale Frage zugespitzt: 1889 wurde das Ende des österreichisch-ungarischen Radsfahrerbundes beim Pfingsttreffen in Graz besiegelt, als Dachorganisation diente künftig der Verband deutscher Radfahrer Österreichs. In deutscher, tschechischer und ungarischer Propaganda wurden die jeweils anderen Volksgruppen beschuldigt, eigene Wege einschlagen zu wollen und Schuld an der Trennung zu tragen. Trotzdem hielt das einende Band des Radsports auch über diese schwierigen Zeiten und die nun entstehenden Grenzen hinweg. 

Vor dem Ersten Weltkrieg und auch noch in der Zwischenkriegszeit wurde das Rennen Graz - Maribor - Graz als "Edelweißrennen" abgehalten, und zwar abwechselnd mit Start und Ziel in den beiden Städten. 1911 siegte Adolf Kofler von "Schönau Graz", im Jahr darauf Anton Smolnik von "Ausdauer Graz" vor dem Grazer Josef Waldmann. Am 31. Juli 1927 gewann Vesenjak in 4 Stunden, 28 Minuten und 20 Sekunden, fünf Sekunden vor Kert und zehn Sekunden vor Krameršič. Für die 122 km lange, großteils auf Macadamstraßen führende Strecke bedeutete dies eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 27,3 km/h. 

1923 initiierten alle Marburger Radfahrvereine das erste Rennen rund um den Pohorje (Bachern) über 150 km. Diese Tradition wurde 1979 mit bis zu 1500 Teilnehmern als Sport- und Radwandertag wieder aufgegriffen und findet jetzt im Juli gemeinsam mit dem Lent-Festival statt. Auch bei diesen Ereignissen waren und sind immer wieder steirische und Grazer Sportler anwesend. 1986 wurde in Maribor ein BMX-Klub geschaffen, dessen Mitglieder international sehr erfolgreich sind und öfters auch auf der BMX-Bahn in Judendorf-Straßengel bei Graz fuhren. 

Heute liegt der Schwerpunkt in Graz und Maribor in der Popularisierung des Fahrrades als Freizeitgerät und Alltagsverkehrsmittel. Danijel Rebolj, Jože Kos und Boris Keuc fanden sich 1994/95 zum MkM, das Mariborska kolesarska Mreza (Marburger Radfahrernetzwerk) zusammen. Wichtige Unterstützung kam, wie schon vor über hundert Jahren, aus Graz: Man lud Prof. Gerd Sammer, der schon in Graz das (Rad-)Verkehrssystem geplant hatte, an einen "Runden Tisch" ein. Unmittelbar darauf wurde das MkM gegründet, das heute knapp 200 Mitglieder zählt. Zwischen MkM und der Grazer Radfahroffensive GO! (ARGUS Steiermark) gibt es eine gute Kooperation, die sich in der gemeinsam mitveranstalteten Velo-City Conference, aber auch in regelmäßigen wechselweisen Besuchen und Ausfahrten dokumentiert. Im Zuge der Konferenz wurde auch die ausgeschilderte Radroute von Maribor nach Šentilj/Spielfeld eröffnet. 

Der Trend in Maribor geht allerdings noch immer zu mehr Autoverkehr (plus fünf Prozent/Jahr), der Radverkehrsanteil beträgt ca. 3 Prozent (in Graz: 14 Prozent). Nach hartnäckigen Bemühungen und nach der Anbringung von "illegalen" Radfahrstreifen in Eigenregie auf der Alten Draubrücke, einem Nadelöhr zwischen den beiden Stadtteilen, wurde auf dieser Brücke 1998 tatsächlich ein beidseitiger Radweg angelegt. Nähere Informationen zur Velo-City Conference über die Homepage des MkM (http://kamen.uni-mb.si). Bezug des Tagungsbandes über: Firma Semaco, Firmianistraße 3, 5020 Salzburg, Tel. 043 662 826878, e-mail congress@semaco.co.at. Informationen zu ARGUS: http://www.argus.or.at/argus/index.html. Die aus der Geschichtswerkstatt hervorgegangene Broschüre "Macht Platz, Fahrrad kommt!" ist bei Mobil Zentral in Graz, Schönaugasse 6, Tel. 0316/82 06 06, erhältlich.


Literatur und Quellen:
Tourenbuch von Steiermark für Radfahrer, herausgegeben von Grazer Bicycle Club, Graz 1889. Deutsch-österreichischer Radfahrer, Nr. 6, Wien 20.Juni 1889, 1.Jg. Max Kleinoscheg: Geschichte des Grazer Bicycle-Club 1882 – 1892, Graz 1982. Weitere Informationen stammen von Lojze Fajdiga (Jg. 1919, Maribor) sowie aus einem Vortrag von Mira Grasič vom Museum für neuere Geschichte (Muzej NO) Maribor bei der Geschichtswerkstatt Graz, der von Danijel Rebolj übersetzt wurde.

Mag. Dr. Wolfgang Wehap
ist Volkskundler, Journalist und Fahrradlobbyist in Graz.