Publikationen

Signal  1999


01 Vorwort

02 Ethnomusikologische Feldforschung in der Südsteiermark

03 Handschriftliche Aufzeichnungen des Priesters M. Ljubša

04 Mit dem Fahrrad Grenzen überwinden

05 Johann Puch / Janez Puh - ein Abriss

06 Grenzüberschreitende Jugendliteratur

07 Die Gottscheer

 

Johann Puch / Janez Puh – ein Abriss


Die Zeit, die Umgebung und die Persönlichkeit Johann Puchs – ein Abriss

Johann Puch wurde am 27. Juni 18621 in einer Zeit großer, vor allem politischer Veränderungen in Europa geboren. Der August 18592 brachte das Ende des Bachschen Absolutismus. Es war das Ende der Kleinstaaterei, Italien vereinigte sich, Österreich verlor die Lombardei und der Papst die Macht. Die nichtdeutschen Nationen waren unzufrieden. In Österreich beginnt mit dem Oktoberdiplom im Jahr 1860 und dem Februarpatent 1861 die sogenannte Verfassungsära, die in vielerlei Hinsicht bis zum Zerfall der Monarchie im Jahr 1918 – das war einige Jahre nach Puchs Tod - erhalten blieb. Johann Puch starb am 19. Juli 1914 in Zagreb. Der Verlust der Lombardei und Venetiens spiegelt die Politik eines Monarchen wider, der seine Ungeschicklichkeit mit dem Verlust von Ländern bezahlt, in denen es keine deutsche Bevölkerungsmehrheit gibt. Trotzdem gelang es dem Kaiser, auch unter den nichtdeutschen Nationen, darunter den Slowenen, viele Kaisertreue um sich zu scharen, die in einer starken und konservativen Monarchie eine wirksame Verteidigung gegenüber der italienischen, deutschen und ungarischen Gefahr sahen. Der staatliche Rahmen der Monarchie kam in wirtschaftlicher Hinsicht einem Großteil der Menschen entgegen, politisch jedoch tauchten Forderungen nach Sprachautonomie, verbunden vor allem mit der Forderung nach dem Gebrauch der Muttersprache, in unserem Fall der slowenischen Sprache, in Ämtern und Schulen auf. In der Folge wurden dann politische und wirtschaftliche Autonomie gefordert. In diese Welt wurde Johann Puch als österreichischer Staatsbürger slowenischer Nationalität in der Steiermark, in der Bezirkshauptmannschaft Pettau, in der Pfarre St. Lorenz, in der Gemeinde Sakušak und dem Weiler Oblaček – in den Geburtsmatriken wird er auch Oblačjak genannt - geboren. Er war das zweite Kind3 (nicht das siebte) der Kleinbauern-Keuschler (und nicht der Häusler) Franz Puch aus Zagorje und Neža, geb. Cizerl aus Sakušak. Heute ist Sakušak einer der Weiler der 1994 neu gebildeten Gemeinde Juršinci.

Juršinci
Der Ort Juršinci wird 14094, die Kirche St. Lorenz schon 13225 zum ersten Mal erwähnt. Zur Zeit Johann Puchs fiel Juršinci unter die Bezirkshauptmannschaft Pettau, ab dem Jahr 1918 gehörte es in den Bezirk Pettau und ab dem Jahr 1957 in die Gemeinde Pettau. Kirchenrechtlich war Juršinci eine Filiale der Pettauer Urpfarre – unter der Kirche St. Oswald und unter dem Patronat der Pettauer Pfarre St. Georg. Dies hatte viele Verbindungen zwischen Pettau und Juršinci zur Folge. 1807 wird die Schule im Ort erwähnt. Dem Lehrer, dem Geistlichen Peter, Sohn des Nikolaj aus Hvaletinci, begegnen wird schon 1466.6 Zur Volksschulzeit Johann Puchs war die Schule eine einklassige, in der Knaben und Mädchen gemeinsam unterrichtet wurden. Im Jahr 18797 wurde sie in eine zweiklassige umgewandelt. In dieser zweiklassigen Schule soll auch Johann Puch angemeldet gewesen sein, und zwar schon zu einer Zeit, als er die Schlosserlehre absolvierte. Die Bewohner von Juršinci waren sich dessen bewußt, daß erst die Bildung das Tor zur Welt öffnet, und so versuchten sie ihren Kindern Bildung beizubringen. Die Kinder studierten im nahegelegenen Graz oder Varaždin. Die Knaben von Juršinci hielten sich während ihrer Studienjahre durch Stipendien heimischer Geistlicher über Wasser. Ein anderer Weg, sich das notwendige Studiengeld zu besorgen, bestand darin, gute Weine zu verkaufen und bis zum Jahr 18948, als die Reblaus die Weinberge vernichtete, auch Pfropfreben. In Juršinci wurde 19059 die erste Rebgenossenschaft der Monarchie gegründet, die noch immer besteht. Sie wurde auf Betreiben des Einheimischen Franz Matjašič, des steirischen Winzeraufsehers, gegründet. Auch heute ist der Verkauf von Pfropfreben der Paradewirtschaftszeig in Juršinci. Gute Weine, vor allem im Gasthof bei der Kirche in Juršinci, sind mit dem Namen von Johann Puch eng verbunden. Auch das Dorf Rotman in der Pfarre Juršinci, wo Johann Puch beim Schlossermeister Kraner in die Lehre ging, erinnert an ihn. 187710 erhielt Puch in Pettau nach dreijähriger erfolgreicher Ausbildung ein Zeugnis. Er beendete seine Lehrzeit genau in dem Jahr, als in Pettau die Gewerbliche Fortführende Schule für Schmiede, Kesselschmiede, Schlosser, Radmechaniker, Tischler und Schneider gegründet wurde.

Pettau
war zu Puchs Zeit eine Stadt mit eigenem Statut, 392411 Einwohnern und Sitz des Bezirksschulrats, des Gerichtsbezirks, der Propstei etc. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann Pettau mit anderen Städten, darunter Graz, zu wetteifern. Eine Gasbeleuchtung wurde installiert, Gehsteige wurden gebaut, das Drauufer befestigt und eine Promenade mit einem Musikpavillon gebaut. Die Stadt erhielt ein neues Schlachthaus, eine Dampfmühle und eine Säge, ein Oberstufengymnasium, ein neues Magistratsgebäude, ein Theater mit einer neuen Fassade, ein Knabenheim und eine Knabenschule, neue bemalte Fenster in der Propsteikirche. Die nationale Zusammensetzung der Stadtbevölkerung begünstigte Menschen mit deutscher Umgangssprache und auch das äußere Bild der Stadt mit den vielen deutschen Aufschriften vermittelte einen solchen Eindruck. Die Stadtverwaltung und die Politiker waren großdeutsch orientiert, was nationale Spannungen sowohl in der Stadt als auch in der fast zur Gänze slowenischen Umgebung zur Folge hatte. In der Stadt erschienen auch zwei Zeitungen, nämlich seit 1890 die Pettauer Zeitung und ab 1900 der Štajerc, die eine auf deutsch, die andere auf slowenisch mit offensichtlich deutschnationalem Vorzeichen. Das gewerbliche Schulwesen mit der großen Tradition in der Ausbildung von Lehrlingen der seit dem Mittelalter bestehenden Innungen begann, als Johann Puch seine Lehrzeit schon abgeschlossen hatte und sich nach Radkersburg zum Meister Gerschack aufmachte, um dort als (Wander-) Geselle zu arbeiten.

Oberradkersburg und Radkersburg
Der bis zum Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie 1918 am rechten und linken Murufer gelegene "Zwillingsort", war wichtig für Johanns Entwicklung, da er hier national gemischtes Gebiet kennenlernte. Nur der obere und der äußere Gries in unmittelbarer Nähe des rechten Murufers neben dem Schloß auf dem Hügel über Radkersburg sind der Kern des heutigen Gornja Radgona. Diese Ortsteile umfaßten 1880 43 Häuser und 229 Einwohner. Alle Bewohner waren Katholiken slowenischer Umgangssprache. Auf dem Schloß gab es nur ein Gebäude mit sieben Bewohnern. Johann Puch wurde in Radkersburg am linken Murufer in der Werkstatt des Meisters Gerschack in den 70iger Jahren des 19. Jahrhunderts ausgebildet, wie Ivan Rihtarič erwähnt.

Graz
1880 trat Johann Puch, nachdem er seine Lehr- und Wanderjahre abgeschlossen hatte, den Militärdienst in Graz an, wo er als ausgebildeter Schlosser zunächst dem Grazer Zeughaus zugeteilt wurde, um danach Schlosser im Regiment zu werden, wo er es ob seines Könnens und Fleisses zum Obermechaniker des Regimentes brachte. Nach beendetem Militärdienst kehrte er für kurze Zeit nach Juršinci zurück. Danach verließ er seinen Heimatort und ging nach Graz, das damals eine Blütezeit erlebte und zur Großstadt wurde. Die Einwohnerzahl der Stadt – an die 112 000 in den Jahren 1870 bis 189012 – stieg am rechten Murufer um fast 40%. In dieser Zeit stieg die Bautätigkeit in Graz sprunghaft an, nur die Eingriffe in die kommunale Infrastruktur waren weniger erfolgreich. Aus der sozialen Struktur der Stadt geht hervor, daß der größte Teil der Bevölkerung zu den unteren sozialen Klassen zählte. Den größten Anteil an Beschäftigten wiesen die Industrie und das Gewerbe auf. Was die politische Orientierung angeht, so war Graz zur Jahrhundertwende deutschnational ausgerichtet, was die antihabsburger und antislawischen bzw. antislowenischen Tendenzen noch verstärkte. In der Stadt gab es fünf größere Zeitungen. Es bildeten sich zahlreiche Handelsunternehmen, und wegen der neuen Verkehrsmittel gab es auch neue Verkehrswege zu Lande und in der Luft, weniger auf der Mur. Graz war aber nicht nur Wirtschafts- und Handelsstadt, sondern auch Bildungszentrum mit einer langen Universitätstradition. Auch in den Theatern, auf Musikveranstaltungen und auf dem Gebiet der Darstellenden Kunst taten sich neue Entwicklungen auf. Das literarische Schaffen blühte auf. Es gab viele Unterhaltungsmöglichkeiten, gut zu essen und zu trinken war kein Problem. Nach Elke Hammer behielt Graz trotz der vielen Veränderungen, die es zur Jahrhundertwende erlebte, seinen Charme bei.

Johann Puch
verwendete in den zwei Jahren für den Kampf um den Erhalt der Arbeitsbewilligung und den Erwerb von Räumlichkeiten für eine mechanische Werkstatt in Graz ungeheure Energien. Wegen eines ablehnenden Bescheides des Grazer Stadtrates wandte er sich sogar an das Innenministerium. Puch stellte fest, daß die Gründe für die unbegreifliche Ablehnung seiner Reparaturwerkstatt für Räder auf erfundenen Angaben von Gemeinderäten fußten.13 1889 erhielt er schlußendlich die Arbeitsbewilligung, und im selben Jahr heiratete er in Graz Maria Reinitzhuber, die Tochter seines Wohnungsvermieters in der Strauchergasse 18, in der Pfarre Mariahilf. Das Jahr 1889 ist verbunden mit der Herstellung des ersten bekannten Puch-Rades,14 eines sichereren und handlicheren Rades als seine Vorgänger es waren. In diesem Jahr begann auch der Aufstieg von Johann Puch, der in 10 Jahren vom Gewerbetreibenden zum Fabriksbesitzer aufstieg und bereits 190015 Motorräder und erste Autos konstruierte. Schon 1901 ließ er seinen ersten Antriebsmotor patentieren und 1902 gelang es ihm, sowohl ein Auto als auch einen Motor zu präsentieren. Zugleich kämpfte er für die Anerkennung seiner Patente und Erfindungen, derer es an die 30 gibt. Nach Sandi Sitar16 ist Johann Puch der Autor einiger Patente, bei anderen der Mitautor und bei dritten der Projektleiter. Puchs Erfindungen übertreffen bei weitem das Bild des großartigen Mechanikers. Das Patent eines vierzylindrigen Boxermotors in seiner Variante ist bis heute nicht realisiert worden. Johann Puch übertraf in Graz mit der Radproduktion alle Konkurrenten und öffnete Österreich das Tor zu Europa. Puch-Räder drangen bis nach England und Frankreich vor, die als Heimatländer des Rades galten. Johann Puch verkaufte seine Räder auch selbst, und zwar dadurch, daß er bei Radrennen, bei welchen seine Räder siegten, Käufer anwarb. Auf diesen Radrennen sah er auch, wo die Konkurrenz stand. Besondere Aufmerksamkeit widmete er der äußeren Gestalt seiner Produkte, seiner Plakate17, Flugblätter, Preislisten, Verkaufskataloge – überall kam sein Sinn für Ästhetik und fürs Detail zum Ausdruck. Johann Puch wurde durch zahlreiche Autoren in Österreich sehr bekannt, weshalb von seiner Fabrik, die 1912 nach einige Quellen 1000, nach anderen 1200 Arbeiter beschäftigte, hier nicht die Rede sein wird. Die Steyr-Daimler-Puch Fahrzeugtechnik A Company of MAGNA feiert in diesem Jahr ihren 100jährigen Bestand und wird dies selbst tun.

Schlußwort
Der Großindustrielle und Erfinder Johann Puch wurde auf slowenischem Boden geboren und ausgebildet. Seine Intelligenz erblickte in der Prlekija in den Windischen Büheln das Licht der Welt. Dieser Heimat blieb er treu, wenn er auch nach Graz ging. Oder, um es mit den Worten von France Bernik18 (Mitglied der slowenischen Akademie der Wissenschaften, Anm. d. Ü.) zu sagen, "Als er vor der schicksalhaften Entscheidung stand, zu Hause zu bleiben und seinem Drang nach Neuem nicht nachzugeben oder die Grenzen der Heimat zu sprengen und sein Talent zum Wohl der Allgemeinheit zu entwickeln, wählte Johann Puch das letztere, den schwereren Weg, blieb sich aber selbst treu und fand darin den Sinn des Lebens. Gleichzeitig erwarb er sich damit den Ruhm eines internationalen Erfinders. Deshalb sollte man ihn nicht bloß mit nationalen oder ideologischen Maßstäben messen, um so mehr, als er sich selbst nie in die eine oder andere Richtung geäußert hat. Unzweifelhaft bleibt aber eines: Der Geburt und der Muttersprache nach war Puch Slowene, durch seine Arbeit aber überragte er seine Herkunft und leistete Großes für den technischen Fortschritt der Menschheit. Johann Puch war nicht bloß ein Zeitgenosse der Industriellen Revolution, sondern ein aktiver Betreiber, bedeutend auch für die heutige Zeit, in der viele davon überzeugt sind, daß moderne Autos ganz anders gebaut sind als z.B. Puchs Modelle aus der Zeit der Jahrhundertwende, nur weil diese Zeit schon lange zurück liegt. Nach Breda Kegl und Stanislav Pehan19 "gilt das natürlich für die äußere Form, die Ausstattung und die Leistungskapazität der Autos. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß die Grundprinzipien der Funktion die gleichen geblieben sind wie zur Zeit des Erfinders Johann Puch". Und die Bedeutung von Puchs Ideen für unsere Zukunft, werden sie noch aktuell sein und Umwälzendes bringen? Wenn wir sein Werk nur gut genug studieren und kennen, kann es daran keinen Zweifel geben!

Archivrätin Kristina Šamperl Purg arbeitet für das Historische Arhiv Pettau und ist Leiterin des Projektes über Johann Puch.

Der Band Janez Puh - Johann Puch - Človek, izumitelj, tovarnar, vizionar (ISBN 961-6305-01-8), Ptuj 1998, ist im Buchhandel erhältlich oder direkt beim Zgodovinski arhiv Ptuj, Muzejski trg 1, 2250 Ptuj zu bestellen.

1Rojstna matična knjiga fare sv. Lovrenca za čas od 1826 do 1864, str. 250, Original im Mariborer Archiv
2 Gestrin - Melik, Slovenska zgodovina 1791 - 1918, Lj. 1966, S.133 ff.
3 Albert Struna, Janez Puh – Johann Puch avstrijski industrialec slovenskega rodu, Ljubljana 1963, S. 5f.
4 Leksikon dravske banovine, Ljubljana 1937, St. 513f.
5 Pfarrchronik von St. Lorenz 1867-1927, Angaben für die Zeit von der ersten Nennung der Kirche 1322 bis 1927, S. 51, das Original befindet sich im Pfarramt St. Lorenz, Juršinci.
6 Vgl. Anm.oben, S. 147.
7 Die Schulchronik wurde 1878 begonnen und bis 1931 geführt, Angaben für den Zeitraum zwischen 1806 und 1931, das Original befindet sich in der Volksschule Juršinci.
8 75 let organiziranege trsničarstva v Juršincih, Ptuj 1981, S. 1-8.
9 Vgl. Anm. oben, S. 9.
10 Hans Seper, 100 Jahre Steyr-Daimler-Puch AG, 1864-1964, Wien, S. 40.
11 Special Orts-Repertorium von Steiermark, Wien 1893, S. 2.
12 Elke Hammer, Mesto v obdobju sprememb – politični, gospodarski, socialni in kulturni odnosi v Gradcu na prelomu stoletja, Janez Puh – človek, izumitelj, tovarnar, vizionar, Ljubljana 1998, S. 55-60.
13 Hans Seper, 100 Jahre Steyr-Daimler-Puch, Wien 1964, S. 41.
14 Hilde Harrer, Pregled tipov koles, motornih koles in avtomobilov okoli leta 1900, Janez Puh . človek, izumitelj, tovarnar, vizionar, Ljubljana 1998, S. 131.
15 Vgl. Anm. oben, S. 139.
16 Sandi Sitar, Puhovi patenti, Janez Puh – človek, izumitelj, tovarnar, vizionar, Ljubljana 1998, S. 129.
17 Die Kunst des Banalen, Ausstellungskatalog, Stadtmuseum Graz, Gerhard M. Dienes, Ausdruck der Zeit, S. 44, vgl. auch Anm. 14, S. 136.
18 Aus der Ansprache anläßlich der Buchpräsentation über Johann Puch auf dem Pettauer Schloß am 18.12.1998.
19 Breda Kegl, Stanislav Pehan, Puhova odkritja v primerjavi s sodobno avtomobilsko industrijo, Janez Puh – človek, izumitelj, tovarnar, vizionar, Ljubljana 1998, S. 159.