Publikationen

Signal  1999


01 Vorwort

02 Ethnomusikologische Feldforschung in der Südsteiermark

03 Handschriftliche Aufzeichnungen des Priesters M. Ljubša

04 Mit dem Fahrrad Grenzen überwinden

05 Johann Puch / Janez Puh - ein Abriss

06 Grenzüberschreitende Jugendliteratur

07 Die Gottscheer

 

Die Gottscheer


 Heimat - das sind Menschen ... - Die Volksgruppe der Gottscheer

"Gottscheer" ist eine Bezeichnung, die sich im Laufe der Jahrhunderte für die Angehörigen der deutschen Sprachinsel im Südosten Sloweniens, die einen alten deutschen Dialekt aus dem 14. Jahrhundert sprechen, durchgesetzt hat. "Gottscheer" ist in diesem Sinne eine Bezeichnung für die nationale Angehörigkeit. Die Gottscheer und die deutsche Minderheit haben keine gesetzliche Absicherung und auch keine besonderen Rechte (z.B.: Schulen, Kindergärten, zweisprachige Tafeln, u.ä.). Das ist auch ein Grund für die starke Assimilation unserer Volksangehörigen. Gewährleistet sind nur unsere individuellen Rechte wie die der Araber, Inder, Kosaken oder der Angehörigen anderer Volksgruppen, obwohl die Gottscheer hier schon seit Jahrhunderten leben und genau in diesem Gebiet ihre Kultur und Identität entwickelt haben. Um Geldmittel verschiedenster Ministerien zu lukrieren, arbeiten wir mit allen Vereinen Sloweniens zusammen.

Die Gottschee und ihre Zukunft
Das Gottscheerland liegt ca. 60 km südöstlich von Ljubljana. Diese einstige deutsche Sprachinsel ist der Öffentlichkeit heute durch folgende Ereignisse und Tatsachen bekannt: durch die Kämpfe der Gegner des kommunistischen Regimes in der Nachkriegszeit, die große Braunbärpopulation und vielleicht noch durch das zerstörte Kulturerbe (über 90 zerstörte Kirchen). Wir jungen Gottscheer wünschen uns natürlich, daß unser Land aufgrund anderer Dinge bekannt wäre: wegen der schönen Gottscheer Lieder, des reichen Kulturlebens und der interessanten Erzählungen über das Leben in unserem Gebiet, die die Verbindung zu unseren Vorfahren aufrechterhalten sollen. Vor allem wünschen wir uns, daß man unser Gebiet der freundlichen Leute wegen kennt, die sich gegenseitig schätzen und verstehen, obwohl sie verschiedenen Volksgruppen und Kulturen angehören. Mit dem Plan, wenigstens annähernd an die Realisierung unserer Wünsche heranzukommen und weil wir glauben, daß unsere Sprache und unsere Kultur etwas so Wertvolles ist, daß es geradewegs kriminell wäre, wenn wir zulassen würden, daß all das aus dem slowenischen Raum verschwindet, haben wir uns nach der Verselbständigung Sloweniens im Verein der "Gottscheer Altsiedler" organisiert. Im Rahmen des Vereins kümmern wir uns um den Erhalt unseres Kulturerbes und unserer Sprache. Es ist erfreulich, daß vor allem junge Leute dem Verein beitreten. Im November letzten Jahres ist eine eigene selbständige "Gottscheer Jugendgruppe" gegründet worden, die im kulturellen Bereich sehr aktiv ist und eigenständig Veranstaltungen, Sprachkurse, Workshops und Ausstellungen organisiert. Die Möglichkeiten für unsere Arbeit haben sich dadurch vergrößert, daß wir mit Hilfe der Kärntner Landes- und der österreichischen Bundesregierung ein Haus in Občice/Krapflern kaufen konnten, in dem wir uns treffen, arbeiten und Veranstaltungen organisieren. Deshalb, weil wir uns auf neue Möglichkeiten und neue Aufgaben freuen und selbstverständlich auch deshalb, damit ich Ihnen meine Muttersprache vorstelle, meine ich, daß ein Gedicht über die Freude "Freu dich auch mit", geschrieben vom Freund der Familie Karl Schemitsch, sehr passend wäre.

Karl Schemitsch
Vreb di a mit
I blil haint shing(o)n
lai Vraisn pring(o)n
vreb di a mit.
Lu(o)ß sh(o) dort lafn,
shai khenn(o)nt rafn,
i plaib lai du.
Shing(o)n ünt lochn,
d(o) Urbait a mochn,
haint ischt d(o) Tsait.
Vreb di mit insch du,
bu is schö schean lai bu?
vreb di a mit.
Freu dich auch mit
Ich will heut singen,
nur Freuden bringen,
freu dich auch mit.
Laß sie dort laufen,
sie können raufen,
ich bleib nur da.
Singen und lachen,
die Arbeit auch machen,
heut ist die Zeit.
Freu dich mit uns da,
wo ist`s so schön nur wo?
Freu dich auch mit.

Tätigkeiten des Gottscheer Altsiedler Vereins
Der Verein arbeitet für die Erhaltung des Kulturerbes: Kapellen werden renoviert, deutsche Aufschriften auf Grabsteinen werden erhalten und vieles mehr. In Kočevsko polje haben wir ein kleineres Museum mit Erzeugnissen der Gottscheer und ihrem Werkzeug. Außerdem bereiten wir verschiedenste Veranstaltungen für Vereinsmitglieder vor, wie zum Beispiel heuer im Juni ein dreitägiges Treffen unserer Volksgruppe aus aller Welt. Im Kulturzentrum finden regelmäßig Sprachkurse für Deutsch und Gottscheer Deutsch statt, an denen 37 Kinder teilnehmen, und auch der Gottscheer Jugendchor mit seinen 28 Mitgliedern hält hier seine Proben ab. Der Chor gastierte unter anderem beim Treffen der deutschen Sprachinseln in Maria Luggau und auf Einladung des Artikel-VII-Kulturvereins für Steiermark in Laafeld/Potrna. Regelmäßig treten wir auch in Klagenfurt als Abschluß der Gottscheer Kulturwoche auf. Letztes Jahr haben 20 Kinder an dreiwöchigen Sprachferien in Klagenfurt im Modestusheim teilgenommen und heuer waren es wieder ebensoviele. In der Ferienzeit hat die Jugendsektion jeden Tag verschiedene Workshops (Töpfern, Glasmalerei, Fotozirkel, Schwimmen...) organisiert. Etwa 30 Jugendliche haben daran teilgenommen. Außerdem haben wir unsere Beziehungen zu den anderen deutschen Minderheiten in Europa verstärkt und unsere Jugendorganisation hat an verschiedenen Treffen in Polen, in der Slowakei und in Dänemark teilgenommen. Besonders stolz sind wir auch auf unsere gute Zusammenarbeit mit den slowenischen Minderheiten in Kärnten und der Steiermark. Unsere Arbeit haben wir auch am runden Tisch in Dolenske Toplice vorgestellt, an der auch der Vorstand des Österreichischen Volksgruppenzentrums Mag. Pipp und der Obmannstellvertreter des Artikel-VII-Kulturvereins für Steiermark Herr Prof. Gombocz teilnahmen. Das ist nur ein Teil unserer Tätigkeiten, mit denen wir unser Kulturerbe und das Nationalbewußtsein der Gottscheer zu erhalten versuchen.

Wer sind die Gottscheer?
Durch Dialekt- und Geschichtsforschung hat man versucht, die Herkunft der Gottscheer zu erklären. Mit großer Sicherheit können wir heute behaupten, daß wir Nachfahren von Siedlern sind, die aus dem Oberkärntner und Osttiroler Raum in dieses Gebiet gekommen sind. Im 12. Jahrhundert war eines der Mitglieder der adeligen Familie Ortenburg aus Kärnten Besitzer dieser Gegend. Damals bekamen die Ortenburger als Lehen einen Besitz in Krain. Deshalb lag es auch im Interesse des Eigentümers, daß das bis dahin unbesiedelte und deshalb auch nicht ertragbringende Gebiet besiedelt wurde. Die Kolonisierung der Ortenburger begann schon vor dem Jahre 1330 und dauerte über einen längeren Zeitraum. In einer Urkunde aus dem Jahre 1339 hat der Patriarch von Aquileia/Oglej, Oton V, Ortenburg die Erlaubnis erteilt, in der Kapelle des Hl. Bartholomäus in Mahovnik/Mooswald einen Kaplan einzusetzen. Diese Meierei war wahrscheinlich das Zentrum für weitere Ansiedlungen. Später sind dann neue Kirchen und Siedlungen entstanden. Auf einem Gebiet von 860 km˛ sind in 176 Dörfern und Weilern 127 Kirchen erbaut worden. Bald schon konnte die Bevölkerung nicht mehr von dem kargen Karstboden leben und so erteilte Kaiser Friedrich III. im Jahre 1492 den Gottscheern die Erlaubnis zum Hausieren. Viele Urkunden und Verordnungen haben dieses Recht bis zum 1. Weltkrieg geregelt. Die große Bevölkerungszahl der Gottscheer ist in der Zeit der Türkeneinfälle stark gesunken. Valvasor nennt die Gottscheer eine Bastion gegen die Türkengefahr. Gottschee war auch von der Pest, anderen ansteckenden Krankheiten und zahlreichen Naturkatastrophen betroffen. Auch die Gottscheer Bauern haben sich gegen die Herrschaft erhoben und an den Bauernaufständen der Jahre 1515 und 1523 beteiligt. Ebenso haben sie (erfolglos) Widerstand gegen die französische Obergewalt geleistet. Gottschee hatte den Status einer Grafschaft und später unter den Auerspergern sogar den eines Herzogtums (1791). Im 19. Jahrhundert hat die Bevölkerung einen Höchststand von 28.000 Personen erreicht. Ermöglicht wurde dies durch die Industrialisierung, wodurch auch jene, die keine Bauern waren, sich etwas dazuverdienen konnten. Ende des 19. Jh. werden die Aussiedlungstendenzen, vor allem nach Amerika, stärker. So ist in Cleveland der erste Verein der Gottscheer Aussiedler, den es heute noch gibt, entstanden. Viele sind nach ein paar Jahren aus den USA zurückgekehrt, haben mit ihren Ersparnissen den Lebensstandard der Familie aufbessern können und haben auch neue Technologien mitgebracht. Die Gottscheer konnten Ende des 1.Weltkrieges mit einem relativ gut organisierten Schulsystem aufwarten. Sie hatten ein höheres Gymnasium, eine Fachschule, ein Waisenhaus, 33 deutsche Volksschulen und zwei Kindergärten. Nach dem 1. Weltkrieg ist die Gottschee ein Teil des Königreiches Slowenien-Kroatien-Serbien geworden. Alle Versuche, eine Autonomie zu erreichen, sind gescheitert. Passiert ist genau das, wovor man sich gefürchtet hat: Die deutschen Vereine wurden aufgelöst, die Staatsbeamten und Lehrer wurden entlassen, schleichend die deutschen Schulen, die Fachschule, aufgehoben, das Gymnasium in Gottschee wurde slowenisch. Die Intelligenz wanderte vor allem nach Kärnten aus. Die Folgen dessen waren ein Rückgang der Bevölkerung im Gottscheer Land und allgemeine Unzufriedenheit. In den Jahren 1937/38 begannen sich die Gottscheer dem Nationalsozialismus zuzuwenden. Als Hitler 1941 das slowenische Gebiet teilte, kam die Gottschee unter italienische Herrschaft. Die italienische Okkupation hat natürlich die Gottscheer enttäuscht. Die Führung hat sich mit den nationalsozialistischen Machthabern auf eine Aussiedlung geeinigt, ähnlich wie es in Südtirol und im Kanaltal gehandhabt worden ist. Die Propaganda für die Aussiedlung war stark, die Angst, allein im leeren Ort zurückzubleiben, war groß und außerdem begannen die ersten Partisanenüberfälle. Die Mehrheit der Bevölkerung entschloß sich zur Aussiedlung. Angesiedelt wurden sie in Häusern ausgesiedelter Slowenen im Gebiet von Krško/Gurkfeld und Brežice/Rann. Einige sind zu Hause in Gottschee geblieben, trotz des Drucks v.a. im Tal von Tschermoschnitz und Pöllandl. Geblieben sind auch die Gottscheer, die in den Städten und außerhalb der Sprachinsel lebten. Nach dem Krieg mußten die, welche umgesiedelt wurden, ins Ausland fliehen und nur wenige sind in das Gottscheerland zurückgekehrt. In der Nachkriegszeit wurden die Verbrechen der Hitlerzeit allen Deutschen zugeschrieben. Derartige Vorwürfe bekommen die Angehörigen der Minderheit noch immer zu hören, obwohl sie Jahrzehnte nach dem Krieg geboren wurden. Nach dem AVNOJ-Erlaß wurden die Deutschen enteignet. Allein in Ljubljana wurde das Eigentum von 1667 Personen konfisziert. Nach dem Krieg sind im Gottscheer Gebiet verschiedene staatliche Genossenschaften entstanden, die das Eigentum verwalteten. In die leeren Häuser zogen Arbeiter, die auf diesen Besitzungen arbeiteten. Vorerst waren hier slowenische Staatsbürger tätig, später siedelten sich aber immer mehr Leute aus Bosnien, teilweise aus Kroatien, dem Kosovo, Mazedonien und auch einige Roma an. So ist die nationale und religiöse Zusammensetzung der Bevölkerung sehr bunt. Es war durchaus keine Seltenheit, daß in einigen Dörfern in wenigen Jahrzehnten die gesamte Bevölkerung 2-3 mal ausgewechselt wurde. Die Leute haben eben anderswo ein besseres Einkommen gefunden... Nach der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens haben auch wir Gottscheer die Möglichkeit gesehen, unsere nationale Angehörigkeit verstärkt zu zeigen, und deshalb haben wir uns in Vereinen organisiert.

Die Gottscheer heute
Unsere Volksgruppe ist heute weltweit in zahlreichen Vereinen zusammengeschlossen. Wir schätzen, daß etwa 3000 Gottscheer in Österreich, ca. 1000 in Deutschland und um die 25.000 in den USA, wo sie am besten organisiert sind, leben. Wie viele es von uns in Slowenien gibt, ist noch nicht belegt, weil sich bei uns sozusagen tagtäglich neue Mitglieder "melden". Das ist auch eine Frage der Toleranz und des Wohlwollens der umgebenden Bevölkerung und der slowenischen Politik. Besonders auffällig ist, daß sich jedesmal, wenn es in den Medien ungünstige Artikel gibt, ein bestimmter Prozentsatz an Leuten kurzerhand zurückzieht. Ähnliche Probleme haben auch andere Minderheiten zum Beispiel die Slowenen, Kroaten, und vor allem die Roma in Österreich. Die Gottscheer Vereine aus aller Welt sind seit 1960 in der "Arbeitsgemeinschaft Gottscheer Vereine" zusammengeschlossen. Angehörige dieser Organisation sind auch die Vereine, die in Slowenien tätig sind. Der "Verein der Gottscheer Altsiedler" wurde 1992 in Kočevske Poljane/Pöllandl gegründet, der slowenisch-gottscheerische "Verein Peter Kosler" im Jahre 1994 in Ljubljana. Das Ziel beider Vereine ist es die slowenische Öffentlichkeit auf Folgendes aufmerksam zu machen: auf die 600jährige Besiedlung des Gebietes um die Gottschee durch eine deutsche Bevölkerung, die Erhaltung des Kulturerbes und auf die Erhaltung der Sprache als Bewußtsein der nationalen Angehörigkeit. Beide Vereine geben gemeinsam die Zeitschrift Bakh-Pot heraus. Die darin enthaltenen Artikel sind in drei Sprachen verfaßt: Gottscheerisch, Slowenisch und Deutsch. Das Zentralorgan der Gottscheer Vereine weltweit ist die Gottscheer Zeitung, die (wieder) seit 1955 in Klagenfurt erscheint. Die Gottscheer Zeitung bzw. ihr Vorläufer der Gottscheer Bote ist zuerst in Gottschee - seit 1904 - erschienen. Ziel dieser Zeitung ist es, die Volksgruppenangehörigen auf der ganzen Welt miteinander zu verbinden, sie über Neuigkeiten und Arbeiten der Vereine zu informieren und die Verbindung zur alten Heimat zu erhalten. In diesem Sinne ist auch der Leitspruch auf der Titelseite jeder Ausgabe zu verstehen: "Mit der Heimat im Herzen über Land und Meer verbunden." Lobenswert ist es, daß immer mehr Abonnenten des Zentralorgans aus Slowenien stammen. Wir Gottscheer, die in der Heimat geblieben sind, hoffen, daß unsere Landsleute und ihre Nachkommen gerne nach Hause zurückkehren und daß sie um so schönere Eindrücke davontragen. Auch dafür soll unser Kulturzentrum in Občice da sein. Heimat ist nicht nur ein Teil Erde, den man bearbeiten, vermessen und verkaufen kann... Dies sind vor allen Dingen Menschen, die dieselbe Sprache sprechen, die dich verstehen und die sich freuen, wenn du kommst. Solch eine Heimat möchten wir unseren auf der ganzen Welt verstreuten Landsleute bieten können.

Maridi Tscherne ist Geschäftsführerin des Gottscheer Altsiedler-Vereins.